{"id":64,"date":"2020-07-11T15:58:42","date_gmt":"2020-07-11T15:58:42","guid":{"rendered":"http:\/\/decolonize-weimar.org\/?page_id=64"},"modified":"2020-12-12T09:25:18","modified_gmt":"2020-12-12T09:25:18","slug":"herderplatz-3","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/decolonize-weimar.org\/en\/karte\/herderplatz-3","title":{"rendered":"Herderplatz 3"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"has-text-align-right wp-block-heading\"><strong>Julia Bee<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/decolonize-weimar.org\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"602\" src=\"https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/map-herderplatz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-240\" srcset=\"https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/map-herderplatz.jpg 602w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/map-herderplatz-300x300.jpg 300w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/map-herderplatz-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CHN2hO1jPMe\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CHN2hO1jPMe\/\">Bei Instagram ansehen<\/a><\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Der Herderplatz ist aufgrund der Stadtkirche St. Peter und Paul mit dem ber\u00fchmten Altarbild von Lucas Cranach dem J\u00fcngeren ein beliebter touristischer Fleck. Vis \u00e0 vis der Stadtkirche ist er auf H\u00f6he der Nr. 2 und 3 h\u00e4ufig belebt, im Sommer stehen Tische und St\u00fchle drau\u00dfen. Weimarer*innen sch\u00e4tzen das Salat- und Suppenangebot zur Mittagszeit in dem Bistro Estragon. H\u00e4ufig werden die Fassaden am Herderplatz von touristischen Blicken gew\u00fcrdigt, selten jedoch schaut man links neben dem Bioladen und der Suppenbar \u00fcber dem Torbogen hoch und genauer hin \u2013 und wenn, dann sieht man die Portrait-B\u00fcste des Buren-Pr\u00e4sidenten Paul Kruger, Stephanus Johannes Paulus Kruger (1825-1904). Sie befindet sich \u00fcber einem Fenster, gerahmt im oberen Winkel eines nach oben zulaufenden Dreiecks in den \u00f6stlichen Fensterachsen, \u00fcber einem Torbogen. So thront Paul Kruger seit 1902 \u00fcber Ein- und Ausfahrten im Gesch\u00e4ftshaus des Hutmachers Winkler.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-187\" srcset=\"https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-225x300.jpeg 225w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-1440x1920.jpeg 1440w, https:\/\/decolonize-weimar.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Bild-Text-Julia-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Herderplatz 3 Au\u00dfenansicht; Foto der Autorin.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Krugers Denkmal wurde 1902 von dem Kaufmann, Hut- und Modeausstatter Adolph Winkler angebracht, um seine Bewunderung auszudr\u00fccken, wie es auch ein 1972 im Stadtanzeiger von Paul Hemman erschienener Artikel nahelegt<a name=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. 1901 erwirbt Winkler das Gesch\u00e4ft und baut das Geb\u00e4ude grundlegend um. Das Hut- und Modegesch\u00e4ft hatte seinen Sitz zuvor in der Kaufstra\u00dfe 26, bevor Winkler 1901 das ehemalige Ritterhaus Gut Kromsdorf kaufte. Der erfolgreiche Hut- und Krawattenmacher \u2013 \u201eWeimars gr\u00f6\u00dftes Spezialhaus f\u00fcr Kopfbedeckungen\u201c, so wirbt Winkler 1907<a name=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> \u2013 erneuert das ehemalige Ritterhaus mit einer Geschichte, die bis ins 14. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgbar ist, grundlegend und bringt in diesem Zusammenhang, ganz im Zeitgeist agierend, die B\u00fcste an.<a name=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser personalisierte Fassadenschmuck besteht bis heute und \u00fcberblickt weiter den Herderplatz. Die gew\u00e4hlte H\u00f6he erm\u00f6glicht es, von unten hochblickend, die Figur noch gut zu erkennen und integriert sie zugleich in das zweifarbige Fassadenbild, von dem nicht alle Stuckarbeiten erhalten sind. Wenn man hochschaut, so wirkt man selbst zugleich klein unter der Position Krugers hoch oben \u00fcber dem Torbogen. Die Fassade ist gepflegt, die Figur setzt sich farblich angepasst an die Rahmungen und Achsen, in einer unheimlichen farblichen Erinnerung an Sand und Erde, ockerfarben auf wei\u00df ab. Bei der n\u00e4heren Betrachtung f\u00e4llt auf: Bei jeder Renovierung der Au\u00dfenfassade des Hauses wurde auch diese B\u00fcste in Stand gehalten. Sie ist also bis heute Gegenstand der Pflege und finanzieller Aufwendungen. Eine historisch-kritische Rahmung erf\u00e4hrt diese Zuwendung zur Zeit noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Artikel auf der Seite <em>Weimarlese.de<\/em><a name=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, der wie auch andere wenig distanzierend den Kosenamen <em>Ohm <\/em>(Onkel)Kr\u00fcger (statt Kruger) verwendet<a name=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>, wird ebenfalls auf die Hintergr\u00fcnde hingewiesen. Der Artikel endet mit dem Satz, dass auch im kleinen Weimar unvermutet \u201eweltpolitische Beziehungen\u201c zu finden seien. Nicht nur <em>auch<\/em>: Wie mehrere Artikel auf dieser Seite und unsere Recherchen zeigen, stand Weimar in seinen Kolonialbestrebungen anderen St\u00e4dten in nichts nach, im Gegenteil bezeichnet Peter Merseburger die Stadt als \u201eheimliche Kolonialhauptstadt\u201c.<a name=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Es handelt sich bei der B\u00fcste nicht einfach um ein St\u00fcck Weltgeschichte, sondern um ein Denkmal zu Ehren eines Pr\u00e4sidenten und einer milit\u00e4rischen F\u00fchrungsperson, der\/die durch seine milit\u00e4rischen Aktionen an einer Vorgeschichte des sp\u00e4teren Apartheidstaates mitwirkte. Die Identifikation mit den Buren, ausgedr\u00fcckt durch eine solche B\u00fcste, umgeht die Frage der Legitimit\u00e4t der kolonialen Eroberungen und dreht sie, indem man sich mit den von den Briten vertriebenen Buren identifiziert, viktimisierend um.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Paul Kruger<\/h2>\n\n\n\n<p>Paul Kruger war 1882-1902 Pr\u00e4sident der Burenrepublik \u201eTransvaal\u201c und Sohn deutscher Einwanderer. Als Siedlernachfahre und politischer F\u00fchrer der niederl\u00e4ndischen, franz\u00f6sischen und deutschen Kolonialsiedler, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts ins Landesinnere vordr\u00e4ntgen, repr\u00e4sentiert er f\u00fcr viele Deutsche \u2013 und so wahrscheinlich auch f\u00fcr Winkler \u2013 eine in Afrika vertretene u. a. deutsche Gruppe. Er gilt als Gr\u00fcndervater der afrikanischen burischen Nation, da er die Unabh\u00e4ngigkeit wesentlich verantwortete, die in Folge des Zweiten Krieges zwischen Buren und Briten aufgehoben wurde. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/erfurts-boer-house\/\" target=\"_blank\">Douglas Booth <\/a>weist darauf hin, dass Kruger die viktimisierende Erz\u00e4hlung einer best\u00e4ndig von Briten beschnittenen und \u201eanglisierten\u201c Nation stark ausbaute. Er war so f\u00fcr ein anti-britisches Ressentiment ein guter Gew\u00e4hrsmann wie f\u00fcr die Idee der \u00dcberlegenheit einer Gruppe, die bei den Buren als Auserw\u00e4hltheitsmythos stark religi\u00f6s gest\u00fctzt wurde. 1900 geht Kruger nach Europa, um erfolglos um Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Buren zu werben, und stirbt 1904 ohne weiteren Einfluss in der Schweiz. Die Buren wollten sich nicht nur von den Briten und ihrer Herrschaft abgrenzen, sie lehnten auch die von den Briten 1833 zumindest institutionell und offiziell eingef\u00fchrte Abschaffung der Sklaverei ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Bure bedeutet auf Afrikaans Bour, Bauer und verweist auf den Siedlerkolonialismus dieser Gruppe und damit auf einen der w\u00f6rtlichen Urspr\u00fcnge des Wortes Kolonie: von colere, lateinisch: bebauen, bestellen. Hier dr\u00fcckt sich der Nexus von Landnahme und Sendungsbewusstsein einer Gruppe aus, welche ein angeblich brachliegendes Land bebaut und kultiviert. Dies ist die Erz\u00e4hlung einer statt Gewalt und Vertreibung kulturbringenden Gruppe, wie sich die Buren sahen. Aber das Land liegt nicht brach, es leben Menschen dort, die in den folgenden Jahrzehnten um ihre Lebensgrundlagen gebracht, vertrieben und z. T. auch versklavt werden. Landwirtschaft und sp\u00e4ter verst\u00e4rkt Plantagenwirtschaft sind bis mit Verdr\u00e4ngung und Zwangsarbeit verbunden (<a href=\"http:\/\/decolonize-weimar.org\/decolonize-weimar-der-kolonialwarenladen\">siehe Kolonialwarenladen<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geopolitischer Einfluss und Wettlauf um Bodensch\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Zwischen 1838 und 1860 gr\u00fcnden sich vier Republiken, die sich als S\u00fcdafrikanische Republik zusammenschlie\u00dfen. Sie schreiben unter Marthinus Prethorius zum ersten Mal Apartheidsgesetze zwischen <em>wei\u00dfen<\/em> Siedler*innen und Schwarzen afrikanischen Bewohner*innen fest. 1881 stellte Kruger mit anderen Buren ein Heer auf, welches die Unabh\u00e4ngigkeit einer Republik erlangte, der Kruger vorstand. In den wiederholten milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen in S\u00fcdafrika (u.a. den zwei Burisch-Englischen Kriegen), ging es neben geopolitischem Einfluss auch um Bodensch\u00e4tze wie Gold und Diamanten: Witwatersrand war eines der damals weltgr\u00f6\u00dften Goldgebiete, in welches deutsche Firmen und Banken investierten.<a name=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> In einem zwei Jahre andauernden Krieg 1899-1902, dem Zweiten Burenkrieg, in dem die Briten zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegen waren und nach einem Partisanenkrieg seitens der Buren diese besiegten und deren L\u00e4ndereien so gut wie vernichteten,<a name=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> positionierte sich Winkler mit dieser Statue im Zuge der Umbauarbeiten und der Anbringung des Fassadenschmucks. Dass Winkler als Kaufmann an Zug\u00e4ngen zu z. B. Seidenstoffen ein erhebliches Interesse an globalen Handelsstr\u00f6men gehabt haben d\u00fcrfte, ist dabei nur ein m\u00f6glicher Faktor seiner Krugerbegeisterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es uns <em>Weimarlese<\/em> wissen l\u00e4sst, findet sich hier tats\u00e4chlich ein St\u00fcck Weltgeschichte \u2013 aber diese zeugt von einer lokalen Beteiligung am Kolonialfieber, wie es die Deutschen schon vor 1884 \u00fcberkam, sich aber um 1900 extrem intensivierte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Deutsche Sympathien<\/h2>\n\n\n\n<p>Wilhelm II entschied nach einem britischen Angriff infolge der andauernden milit\u00e4rischen Auseinandersetzung 1896 mit der Kr\u00fcgerdepesche auch nach au\u00dfen hin Stellung zu beziehen. Die sogenannte Kr\u00fcgerdepesche ist ein Gratulationstelegramm an Kruger, dessen Folgeneinsch\u00e4tzungen zwar in milit\u00e4rischer und politischer Hinsicht zwischen Historiker*innen variieren, das aber dennoch zu einer antibritischen Stimmung beitrug. Damit schl\u00e4gt sich Deutschland ideologisch, nicht jedoch milit\u00e4risch auf die Seite der Buren, bezeichnet die Briten als \u201eFriedensst\u00f6rer\u201c und positioniert sich gegen die britischen Machtbestrebungen gegen\u00fcber burischen Siedler*innen in Afrika, nicht zuletzt, um m\u00f6gliche Versorgungs- und Handelsachsen zu sichern. Deutschland und Gro\u00dfbritannien wetteifern zu dieser Zeit um kolonialen Einfluss und wirtschaftliches Wachstum, und Deutschland will quasi \u2013 wenn auch nur in einem Akt der \u201eGro\u00dfspurigkeit\u201c<a name=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> \u2013 das Empire angreifen. Einige Jahre sp\u00e4ter, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, hat Deutschland immerhin das fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig drittgr\u00f6\u00dfte Kolonialreich aufzuweisen. Die deutsche Kolonialgeschichte ist somit alles andere als peripher. Die deutsch-britischen Beziehungen verschlechterten sich daraufhin \u00fcber die folgenden Jahre. Eine anti-britische Haltung verband sich im Burenkrieg 1899-1902 mit einer \u201eBureneuphorie\u201c<a name=\"_ftnref10\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a>, in der schlie\u00dflich auch Kruger zum \u201eMythos\u201c<a name=\"_ftnref11\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> wurde. Die konservative deutsche Presse stimmte diesem Vorgehen zu<a name=\"_ftnref12\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a>, w\u00e4hrend liberale und linke Medien vor Konflikten mit Gro\u00dfbritannien warnten. So wird die Kr\u00fcgerdepesche auch als Konfliktaggregat zwischen linken und rechten Medien verstanden. Dadurch wird quasi deutsche Beteiligung in den Kolonialkonflikt hineinimaginiert und implizit eine \u201erassische\u201c Verbindung zu den Buren gezogen. Geostrategisch hatten aber die Deutschen ab 1884 mit ihrer Kolonie S\u00fcdwestafrika auch Interessen an der Region.<a name=\"_ftnref13\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sympathien waren durchaus nicht einzigartig in Weimar und Umgebung: Auch am sogenannten Burenhaus in Erfurt findet sich eine Krugerfigur als Ausdruck von Huldigung.<a name=\"_ftnref14\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Neben ihm wird am Erfurter Haus noch vier weiteren prominenten Buren gedacht. Es findet sich dar\u00fcber hinaus eine herabsetzende Darstellung des britischen Kolonialsekret\u00e4rs Joseph Chamberlain, in der dieser als Anspielung auf den Wettlauf um Gold und Diamanten einen Goldsack auf dem Kopf tr\u00e4gt, wie Douglas Booth ausf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>So werden v\u00f6lkische Verbindungen konstruiert, die auch im Nationalsozialismus remobilisiert wurden. Die Errichtung des Denkmals repr\u00e4sentiert eine Ignoranz und Chauvinismus gegen\u00fcber jenen Gruppen, um deren Gebiete man sich in einem \u201eWettlauf um Afrika\u201c ab den 1880er Jahren bekriegte.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00fcdafrika war bis 1994 ein Apartheidstaat mit gezieltem Terror, Unterdr\u00fcckung und extralegaler Ermordung der Schwarzen Bev\u00f6lkerung in dem Versuch, den ANC (African National Congress) niederzuschlagen. Gesetze wie das Land rights Gesetz 1913 und 1923 errichteten schon vor 1945 lokale und soziale Trennungen und schlossen Schwarze Afrikaner*innen aus den St\u00e4dten aus: In ihnen durften sie sich au\u00dfer zu Zwecken der Bedienstung <em>wei\u00dfer<\/em> Menschen nicht permanent aufhalten.<a name=\"_ftnref15\" href=\"#_ftn15\">[15]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">An wen will man erinnern? Welche Geschichten sind damit verbunden?<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Sympathiebekundung wird nicht widersprochen, solange die B\u00fcste ungerahmt ohne Erkl\u00e4rung \u00fcber dem Herderplatz h\u00e4ngt. Ohne eine kritische Rahmung dieser Figur wird eine h\u00f6chst problematische Verehrung um 1900 unbewusst weitergetragen, die nicht nur \u2013 wie es oft relativierend hei\u00dft \u2013 Ausdruck eines Zeitgeistes war (was eigentlich gar nichts erkl\u00e4rt, au\u00dfer man denkt Kolonialismus sei vor 100 Jahren ethisch vertretbar gewesen), sondern zum rassistischen, militaristischen Wahn in Deutschland beitrug und sich aus der Ferne mit den Siedlerkolonialisten in S\u00fcdafrika verbinden wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach Entfernung solcher Huldigungen von Kolonialakteuren ist heute sehr umstritten. Zu Recht fordern viele Initiativen die Umbenennung von Stra\u00dfennamen, z. B. aktuell in Erfurt mit dem Versuch aus dem Nettelbeck Ufer ein Gert-Schramm-Ufer zu machen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Dabei geht es nicht einfach um eine Ausl\u00f6schung des kolonialen Erbes und die damit verbundene Annahme des Ungeschehen-Machens oder sogar des Reinwaschens von Geschichte. Aber wie eine Auseinandersetzung mit Figuren wie Kruger historisch und kritisch stattfinden kann, ohne jegliche Rahmung, ist fraglich. Wer hat sich lediglich beim Anblick Krugers Konterfei mit der deutschen Beteiligung an Kolonialismus in siedlerischer, milit\u00e4rischer, \u00f6konomischer und kultureller Hinsicht auseinandergesetzt? Und wer hat aufgrund seiner Hautfarbe und Identifikationen und der damit verbundenen Rassismen die M\u00f6glichkeit, ganz objektiv historisierend auf Figuren wie Kruger, Repr\u00e4sentanten eines kolonialen Staates zu blicken und sie als kurioses St\u00fcck \u201eweltpolitische Beziehung\u201c zu betrachten? Anders gefragt: Welche Erinnerung wird forciert? Wie erinnert Weimar am Herderplatz und an anderen lokalen Orten deutscher Kolonialgeschichte?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die bestehende Weise wird zun\u00e4chst an Menschen erinnert, die wie Kruger, den Aufbau eines rassistischen Apartheidstaates vorangetrieben haben, der auch nach seiner Abschaffung in strukturellen Rassismen fortbesteht. Sie gedenken Siedlerkolonisten und dem Wettlauf um Bodensch\u00e4tze. Zu sagen, die B\u00fcste verk\u00f6rpere deutsche Geschichte allein durch ihre Pr\u00e4senz, w\u00fcrde davon ausgehen, dass das die einzige Geschichte ist \u2013 viele andere wurden ausgel\u00f6scht. Doch genau das ist die Wirkweise des Kolonialismus: das Ausl\u00f6schen bestehender Kulturen und ihrer Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Endnoten<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Paul Hemmann: \u201eDer Burenpr\u00e4sident am Herderplatz. Es ist doch Ohm Kr\u00fcgers B\u00fcste am Haus gegen\u00fcber der Stadtkirche\u201c, 28.11.1972, Stadtarchiv Weimar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Im Stadtarchiv Weimar einsehbare Werbeanzeige. Siehe auch Foto Archivnummer 129.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Im 18. Jahrhundert wird die Rittergasse \u2013 von der noch der Schwarzburger Hof zeugt \u2013 zum T\u00f6pfermarkt und damit verschwindet auch der Friedhof vor der Stadtkirche.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> https:\/\/www.weimar-lese.de\/index.php?article_id=161<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> H\u00e4ufig wird sich z\u00e4rtlich auf ihn als Ohm Kr\u00fcger bezogen, afrikaans f\u00fcr Onkel Kr\u00fcger (\u201aeingedeutscht\u2018 f\u00fcr Kruger). <em>Ohm Kr\u00fcger<\/em> lautet z.B. der Name eines 1941 entstandenen anti-britischen Propagandafilms \u00fcber Kruger. Dies ist kein Zufall, denn die Nationalsozialisten haben an die die Heldenverehrung der Deutschen gegen\u00fcber Kruger angekn\u00fcpft. Sowohl in dem bereits genannten Artikel von Paul Hemmann als auch in einem mit dem K\u00fcrzel b.h. gezeichneten Beitrag \u201ewas nicht im Stadtf\u00fchrer steht. Burenchef Ohm Kr\u00fcger blickt \u00fcber den Herderplatz\u201c im Stadtanzeiger vom 19.6.1996 wird der Titel Ohm Kr\u00fcger weitergef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Peter Merseburger: \u201eDeutschlands heimliche Kolonialhauptstadt. Carl Alexanders Wandlung vom Liberalen zum Nationalkonservativen\u201c. In: Ders.: Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. Pantheon 2013, S. 215-242. Auch Alf R\u00f6ssner hat in mehreren Texten auf die Bedeutungen des F\u00fcrstenhauses f\u00fcr die Kolonialbewegung aufmerksam gemacht, vgl. z.B. \u201e\u2018Kulturtr\u00e4ger\u2018 im \u201aschwarzen Erdteil\u2018. Weimars kolonialer Anspruch unter Carl Alexander und Wilhelm Ernst\u201c. In: <em>Ilm Kakanien, Weimar am Vorabend des Ersten Weltkrieges<\/em>, hrsg. v.&nbsp; Franziska Bomski, Hellmut Th. Seemann und Thorsten Walk, G\u00f6ttingen Wallstein Verlag 2014, S. 197-212; \u201eDas koloniale Weimar, in: <em>Kolonialismus hierzulande<\/em>, hrsg. V. Ulrich von der Heyden und Joachim Zeller, Sutton Verlag: Erfurt 2007, S. 27-33.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Paul Hoser: \u201eDie Kr\u00fcgerdepesche (1896)\u201c. In: J\u00fcrgen Zimmerer (Hrsg.): <em>Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte<\/em>. Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung: Bonn 2013, S. 150-163, hier, S. 150.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Die Briten gewinnen sp\u00e4ter und es wird die s\u00fcdafrikanische Union errichtet. Beide bis dato existierenden burische Republiken werden in das britische Empire eingegliedert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hoser: Kr\u00fcgerdepesche, S. S. 160.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Hoser: Kr\u00fcgerdepesche, S. S. 160.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Hoser: Kr\u00fcgerdepesche, S. 161.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Hoser: Kr\u00fcgerdepesche, S. 157.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Hoser: Kr\u00fcgerdepesche, 150.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/erfurts-boer-house\/#_ftnref4<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl hierzu noch einmal Booth <a href=\"https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/erfurts-boer-house\/#_ftnref4\">https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/erfurts-boer-house\/#_ftnref4<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/2020\/03\/27\/das-gert-schramm-ufer-wege-in-und-aus-der-krise\">https:\/\/decolonizeerfurt.wordpress.com\/2020\/03\/27\/das-gert-schramm-ufer-wege-in-und-aus-der-krise<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Bee Bei Instagram ansehen Der Herderplatz ist aufgrund der Stadtkirche St. Peter und Paul mit dem ber\u00fchmten Altarbild von Lucas Cranach dem J\u00fcngeren ein beliebter touristischer Fleck. Vis \u00e0 vis der Stadtkirche ist er auf H\u00f6he der Nr. 2 und 3 h\u00e4ufig belebt, im Sommer stehen Tische und St\u00fchle drau\u00dfen. 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