Herderplatz 3

Julia Bee

Der Herderplatz ist aufgrund der Stadtkirche St. Peter und Paul mit dem berühmten Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren ein beliebter touristischer Fleck. Vis à vis der Stadtkirche ist er auf Höhe der Nr. 2 und 3 häufig belebt, im Sommer stehen Tische und Stühle draußen. Weimarer*innen schätzen das Salat- und Suppenangebot zur Mittagszeit in dem Bistro Estragon. Häufig werden die Fassaden am Herderplatz von touristischen Blicken gewürdigt, selten jedoch schaut man links neben dem Bioladen und der Suppenbar über dem Torbogen hoch und genauer hin – und wenn, dann sieht man die Portrait-Büste des Buren-Präsidenten Paul Kruger, Stephanus Johannes Paulus Kruger (1825-1904). Sie befindet sich über einem Fenster, gerahmt im oberen Winkel eines nach oben zulaufenden Dreiecks in den östlichen Fensterachsen, über einem Torbogen. So thront Paul Kruger seit 1902 über Ein- und Ausfahrten im Geschäftshaus des Hutmachers Winkler.

Herderplatz 3 Außenansicht; Foto der Autorin.

Krugers Denkmal wurde 1902 von dem Kaufmann, Hut- und Modeausstatter Adolph Winkler angebracht, um seine Bewunderung auszudrücken, wie es auch ein 1972 im Stadtanzeiger von Paul Hemman erschienener Artikel nahelegt[1]. 1901 erwirbt Winkler das Geschäft und baut das Gebäude grundlegend um. Das Hut- und Modegeschäft hatte seinen Sitz zuvor in der Kaufstraße 26, bevor Winkler 1901 das ehemalige Ritterhaus Gut Kromsdorf kaufte. Der erfolgreiche Hut- und Krawattenmacher – „Weimars größtes Spezialhaus für Kopfbedeckungen“, so wirbt Winkler 1907[2] – erneuert das ehemalige Ritterhaus mit einer Geschichte, die bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgbar ist, grundlegend und bringt in diesem Zusammenhang, ganz im Zeitgeist agierend, die Büste an.[3] 

Dieser personalisierte Fassadenschmuck besteht bis heute und überblickt weiter den Herderplatz. Die gewählte Höhe ermöglicht es, von unten hochblickend, die Figur noch gut zu erkennen und integriert sie zugleich in das zweifarbige Fassadenbild, von dem nicht alle Stuckarbeiten erhalten sind. Wenn man hochschaut, so wirkt man selbst zugleich klein unter der Position Krugers hoch oben über dem Torbogen. Die Fassade ist gepflegt, die Figur setzt sich farblich angepasst an die Rahmungen und Achsen, in einer unheimlichen farblichen Erinnerung an Sand und Erde, ockerfarben auf weiß ab. Bei der näheren Betrachtung fällt auf: Bei jeder Renovierung der Außenfassade des Hauses wurde auch diese Büste in Stand gehalten. Sie ist also bis heute Gegenstand der Pflege und finanzieller Aufwendungen. Eine historisch-kritische Rahmung erfährt diese Zuwendung zur Zeit noch nicht.

In einem Artikel auf der Seite Weimarlese.de[4], der wie auch andere wenig distanzierend den Kosename Ohm (Onkel)Krüger (statt Kruger) verwendet[5], wird ebenfalls auf die Hintergründe hingewiesen. Der Artikel endet mit dem Satz, dass auch im kleinen Weimar unvermutet „weltpolitische Beziehungen“ zu finden seien. Nicht nur auch: Wie mehrere Artikel auf dieser Seite und unsere Recherchen zeigen, stand Weimar in seinen Kolonialbestrebungen anderen Städten in nichts nach, im Gegenteil bezeichnet Peter Merseburger die Stadt als „heimliche Kolonialhauptstadt“.[6] Es handelt sich bei der Büste nicht einfach um ein Stück Weltgeschichte, sondern um ein Denkmal zu Ehren eines Präsidenten und einer militärischen Führungsperson, der/die durch seine militärischen Aktionen an einer Vorgeschichte des späteren Apartheidstaates mitwirkte. Die Identifikation mit den Buren, ausgedrückt durch eine solche Büste, umgeht die Frage der Legitimität der kolonialen Eroberungen und dreht sie, indem man sich mit den von den Briten vertriebenen Buren identifiziert, viktimisierend um.

Paul Kruger

Paul Kruger war 1882-1902 Präsident der Burenrepublik „Transvaal“ und Sohn deutscher Einwanderer. Als Siedlernachfahre und politischer Führer der niederländischen, französischen und deutschen Kolonialsiedler, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts ins Landesinnere vordräntgen, repräsentiert er für viele Deutsche – und so wahrscheinlich auch für Winkler – eine in Afrika vertretene u. a. deutsche Gruppe. Er gilt als Gründervater der afrikanischen burischen Nation, da er die Unabhängigkeit wesentlich verantwortete, die in Folge des Zweiten Krieges zwischen Buren und Briten aufgehoben wurde. Douglas Booth weist darauf hin, dass Kruger die viktimisierende Erzählung einer beständig von Briten beschnittenen und „anglisierten“ Nation stark ausbaute. Er war so für ein anti-britisches Ressentiment ein guter Gewährsmann wie für die Idee der Überlegenheit einer Gruppe, die bei den Buren als Auserwähltheitsmythos stark religiös gestützt wurde. 1900 geht Kruger nach Europa, um erfolglos um Unterstützung für die Buren zu werben, und stirbt 1904 ohne weiteren Einfluss in der Schweiz. Die Buren wollten sich nicht nur von den Briten und ihrer Herrschaft abgrenzen, sie lehnten auch die von den Briten 1833 zumindest institutionell und offiziell eingeführte Abschaffung der Sklaverei ab.

Bure bedeutet auf Afrikaans Bour, Bauer und verweist auf den Siedlerkolonialismus dieser Gruppe und damit auf einen der wörtlichen Ursprünge des Wortes Kolonie: von colere, lateinisch: bebauen, bestellen. Hier drückt sich der Nexus von Landnahme und Sendungsbewusstsein einer Gruppe aus, welche ein angeblich brachliegendes Land bebaut und kultiviert. Dies ist die Erzählung einer statt Gewalt und Vertreibung kulturbringenden Gruppe, wie sich die Buren sahen. Aber das Land liegt nicht brach, es leben Menschen dort, die in den folgenden Jahrzehnten um ihre Lebensgrundlagen gebracht, vertrieben und z. T. auch versklavt werden. Landwirtschaft und später verstärkt Plantagenwirtschaft sind bis mit Verdrängung und Zwangsarbeit verbunden (siehe Kolonialwarenladen).

Geopolitischer Einfluss und Wettlauf um Bodenschätze

Zwischen 1938 und 1860 gründen sich vier Republiken, die sich als Südafrikanische Republik zusammenschließen. Sie schreiben unter Marthinus Prethorius zum ersten Mal Apartheidsgesetze zwischen weißen Siedler*innen und Schwarzen afrikanischen Bewohner*innen fest. 1881 stellte Kruger mit anderen Buren ein Heer auf, welches die Unabhängigkeit einer Republik erlangte, der Kruger vorstand. In den wiederholten militärischen Auseinandersetzungen in Südafrika (u.a. den zwei Burisch-Englischen Kriegen), ging es neben geopolitischem Einfluss auch um Bodenschätze wie Gold und Diamanten: Witwatersrand war eines der damals weltgrößten Goldgebiete, in welches deutsche Firmen und Banken investierten.[7] In einem zwei Jahre andauernden Krieg 1899-1902, dem Zweiten Burenkrieg, in dem die Briten zahlenmäßig überlegen waren und nach einem Partisanenkrieg seitens der Buren diese besiegten und deren Ländereien so gut wie vernichteten,[8] positionierte sich Winkler mit dieser Statue im Zuge der Umbauarbeiten und der Anbringung des Fassadenschmucks. Dass Winkler als Kaufmann an Zugängen zu z. B. Seidenstoffen ein erhebliches Interesse an globalen Handelsströmen gehabt haben dürfte, ist dabei nur ein möglicher Faktor seiner Krugerbegeisterung.

Wie es uns Weimarlese wissen lässt, findet sich hier tatsächlich ein Stück Weltgeschichte – aber diese zeugt von einer lokalen Beteiligung am Kolonialfieber, wie es die Deutschen schon vor 1884 überkam, sich aber um 1900 extrem intensivierte.

Deutsche Sympathien

Wilhelm II entschied nach einem britischen Angriff infolge der andauernden militärischen Auseinandersetzung 1896 mit der Krügerdepesche auch nach außen hin Stellung zu beziehen. Die sogenannte Krügerdepesche ist ein Gratulationstelegramm an Kruger, dessen Folgeneinschätzungen zwar in militärischer und politischer Hinsicht zwischen Historiker*innen variieren, das aber dennoch zu einer antibritischen Stimmung beitrug. Damit schlägt sich Deutschland ideologisch, nicht jedoch militärisch auf die Seite der Buren, bezeichnet die Briten als „Friedensstörer“ und positioniert sich gegen die britischen Machtbestrebungen gegenüber burischen Siedler*innen in Afrika, nicht zuletzt, um mögliche Versorgungs- und Handelsachsen zu sichern. Deutschland und Großbritannien wetteifern zu dieser Zeit um kolonialen Einfluss und wirtschaftliches Wachstum, und Deutschland will quasi – wenn auch nur in einem Akt der „Großspurigkeit“[9] – das Empire angreifen. Einige Jahre später, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, hat Deutschland immerhin das flächenmäßig drittgrößte Kolonialreich aufzuweisen. Die deutsche Kolonialgeschichte ist somit alles andere als peripher. Die deutsch-britischen Beziehungen verschlechterten sich daraufhin über die folgenden Jahre. Eine anti-britische Haltung verband sich im Burenkrieg 1899-1992 mit einer „Bureneuphorie“[10], in der schließlich auch Kruger zum „Mythos“[11] wurde. Die konservative deutsche Presse stimmte diesem Vorgehen zu[12], während liberale und linke Medien vor Konflikten mit Großbritannien warnten. So wird die Krügerdepesche auch als Konfliktaggregat zwischen linken und rechten Medien verstanden. Dadurch wird quasi deutsche Beteiligung in den Kolonialkonflikt hineinimaginiert und implizit eine „rassische“ Verbindung zu den Buren gezogen. Geostrategisch hatten aber die Deutschen ab 1884 mit ihrer Kolonie Südwestafrika auch Interessen an der Region.[13]

Diese Sympathien waren durchaus nicht einzigartig in Weimar und Umgebung: Auch am sogenannten Burenhaus in Erfurt findet sich eine Krugerfigur als Ausdruck von Huldigung.[14] Neben ihm wird am Erfurter Haus noch vier weiteren prominenten Buren gedacht. Es findet sich darüber hinaus eine herabsetzende Darstellung des britischen Kolonialsekretärs Joseph Chamberlain, in der dieser als Anspielung auf den Wettlauf um Gold und Diamanten einen Goldsack auf dem Kopf trägt, wie Douglas Booth ausführt.

So werden völkische Verbindungen konstruiert, die auch im Nationalsozialismus remobilisiert wurden. Die Errichtung des Denkmals repräsentiert eine Ignoranz und Chauvinismus gegenüber jenen Gruppen, um deren Gebiete man sich in einem „Wettlauf um Afrika“ ab den 1880er Jahren bekriegte.

Südafrika war bis 1994 ein Apartheidstaat mit gezieltem Terror, Unterdrückung und extralegaler Ermordung der Schwarzen Bevölkerung in dem Versuch, den ANC (African National Congress) niederzuschlagen. Gesetze wie das Land rights Gesetz 1913 und 1923 errichteten schon vor 1945 lokale und soziale Trennungen und schlossen Schwarze Afrikaner*innen aus den Städten aus: In ihnen durften sie sich außer zu Zwecken der Bedienstung weißer Menschen nicht permanent aufhalten.[15]

An wen will man erinnern? Welche Geschichten sind damit verbunden?

Der Sympathiebekundung wird nicht widersprochen, solange die Büste ungerahmt ohne Erklärung über dem Herderplatz hängt. Ohne eine kritische Rahmung dieser Figur wird eine höchst problematische Verehrung um 1900 unbewusst weitergetragen, die nicht nur – wie es oft relativierend heißt – Ausdruck eines Zeitgeistes war (was eigentlich gar nichts erklärt, außer man denkt Kolonialismus sei vor 100 Jahren ethisch vertretbar gewesen), sondern zum rassistischen, militaristischen Wahn in Deutschland beitrug und sich aus der Ferne mit den Siedlerkolonialisten in Südafrika verbinden wollte.

Die Frage nach Entfernung solcher Huldigungen von Kolonialakteuren ist heute sehr umstritten. Zu Recht fordern viele Initiativen die Umbenennung von Straßennamen, z. B. aktuell in Erfurt mit dem Versuch aus dem Nettelbeck Ufer ein Gert-Schramm-Ufer zu machen.[16] Dabei geht es nicht einfach um eine Auslöschung des kolonialen Erbes und die damit verbundene Annahme des Ungeschehen-Machens oder sogar des Reinwaschens von Geschichte. Aber wie eine Auseinandersetzung mit Figuren wie Kruger historisch und kritisch stattfinden kann, ohne jegliche Rahmung, ist fraglich. Wer hat sich lediglich beim Anblick Krugers Konterfei mit der deutschen Beteiligung an Kolonialismus in siedlerischer, militärischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht auseinandergesetzt? Und wer hat aufgrund seiner Hautfarbe und Identifikationen und der damit verbundenen Rassismen die Möglichkeit, ganz objektiv historisierend auf Figuren wie Kruger, Repräsentanten eines kolonialen Staates zu blicken und sie als kurioses Stück „weltpolitische Beziehung“ zu betrachten? Anders gefragt: Welche Erinnerung wird forciert? Wie erinnert Weimar am Herderplatz und an anderen lokalen Orten deutscher Kolonialgeschichte?

Auf die bestehende Weise wird zunächst an Menschen erinnert, die wie Kruger, den Aufbau eines rassistischen Apartheidstaates vorangetrieben haben, der auch nach seiner Abschaffung in strukturellen Rassismen fortbesteht. Sie gedenken Siedlerkolonisten und dem Wettlauf um Bodenschätze. Zu sagen, die Büste verkörpere deutsche Geschichte allein durch ihre Präsenz, würde davon ausgehen, dass das die einzige Geschichte ist – viele andere wurden ausgelöscht. Doch genau das ist die Wirkweise des Kolonialismus: das Auslöschen bestehender Kulturen und ihrer Geschichten.


Endnoten

[1] Paul Hemmann: „Der Burenpräsident am Herderplatz. Es ist doch Ohm Krügers Büste am Haus gegenüber der Stadtkirche“, 28.11.1972, Stadtarchiv Weimar.

[2] Im Stadtarchiv Weimar einsehbare Werbeanzeige. Siehe auch Foto Archivnummer 129.

[3] Im 18. Jahrhundert wird die Rittergasse – von der noch der Schwarzburger Hof zeugt – zum Töpfermarkt und damit verschwindet auch der Friedhof vor der Stadtkirche.

[4] https://www.weimar-lese.de/index.php?article_id=161

[5] Häufig wird sich zärtlich auf ihn als Ohm Krüger bezogen, afrikaans für Onkel Krüger (‚eingedeutscht‘ für Kruger). Ohm Krüger lautet z.B. der Name eines 1941 entstandenen anti-britischen Propagandafilms über Kruger. Dies ist kein Zufall, denn die Nationalsozialisten haben an die die Heldenverehrung der Deutschen gegenüber Kruger angeknüpft. Sowohl in dem bereits genannten Artikel von Paul Hemmann als auch in einem mit dem Kürzel b.h. gezeichneten Beitrag „was nicht im Stadtführer steht. Burenchef Ohm Krüger blickt über den Herderplatz“ im Stadtanzeiger vom 19.6.1996 wird der Titel Ohm Krüger weitergeführt.

[6] Peter Merseburger: „Deutschlands heimliche Kolonialhauptstadt. Carl Alexanders Wandlung vom Liberalen zum Nationalkonservativen“. In: Ders.: Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. Pantheon 2013, S. 215-242. Auch Alf Rössner hat in mehreren Texten auf die Bedeutungen des Fürstenhauses für die Kolonialbewegung aufmerksam gemacht, vgl. z.B. „‘Kulturträger‘ im ‚schwarzen Erdteil‘. Weimars kolonialer Anspruch unter Carl Alexander und Wilhelm Ernst“. In: Ilm Kakanien, Weimar am Vorabend des Ersten Weltkrieges, hrsg. v.  Franziska Bomski, Hellmut Th. Seemann und Thorsten Walk, Göttingen Wallstein Verlag 2014, S. 197-212; „Das koloniale Weimar, in: Kolonialismus hierzulande, hrsg. V. Ulrich von der Heyden und Joachim Zeller, Sutton Verlag: Erfurt 2007, S. 27-33.

[7] Paul Hoser: „Die Krügerdepesche (1896)“. In: Jürgen Zimmerer (Hrsg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn 2013, S. 150-163, hier, S. 150.

[8] Die Briten gewinnen später und es wird die südafrikanische Union errichtet. Beide bis dato existierenden burische Republiken werden in das britische Empire eingegliedert.

[9] Hoser: Krügerdepesche, S. S. 160.

[10] Hoser: Krügerdepesche, S. S. 160.

[11] Hoser: Krügerdepesche, S. 161.

[12] Hoser: Krügerdepesche, S. 157.

[13] Hoser: Krügerdepesche, 150.

[14] https://decolonizeerfurt.wordpress.com/erfurts-boer-house/#_ftnref4

[15] Vgl hierzu noch einmal Booth https://decolonizeerfurt.wordpress.com/erfurts-boer-house/#_ftnref4.

[16] Vgl. https://decolonizeerfurt.wordpress.com/2020/03/27/das-gert-schramm-ufer-wege-in-und-aus-der-krise