Die koloniale Fürstenfamilie

Nicholas-Joel Kisling


Immer wieder schlendern wir, staunend über seine schöne Architektur, am Stadtschloss vorbei – ohne uns dabei Gedanken über die koloniale Geschichte und Bedeutung dieses Ortes, insbesondere der fürstlichen Residenz und seiner ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner zu machen. Denn nicht nur der Großherzog Carl Alexander zu Sachsen-Weimar-Eisenach, sondern auch ein großer Teil seiner Familie, machte aus seiner Begeisterung für den deutschen Kolonialismus keinen Hehl und unterstützte diesen tatkräftig durch das Bereitstellen finanzieller wie personeller Ressourcen.

Die koloniale Kinderstube der Sophie

So schreibt beispielsweise Paul von Bojanowski in seinem Nachruf auf Carl Alexanders Cousine und Gemahlin, Sophie von Oranien-Nassau (1824-1897):

„Daß sie die deutschen kolonialen Pläne und Aufgaben vom ersten Tage an mit Lebhaftigkeit aufnahm, ist erklärlich bei einer Fürstin, die von ihrer Kindheit an die Bedeutung überseeischen Besitzes schätzen gelernt hatte; daß sie sie mit ebensoviel Eifer wie Freigebigkeit unterstützte, sichert ihr einen besonderen Anspruch auf dankbare Erinnerung seitens unseres Volkes.“[1]

Sophie von Oranien-Nassau wurde als Prinzessin des niederländischen Königshauses geboren. Ihre Familie besaß wichtige Kolonialgüter, die nicht zuletzt auch zu ihrem großen Vermögen beitrugen.[2] Carl Alexanders Gattin wird in der Kolonialforschung eine nicht unwichtige Rolle beigemessen.[3] Ludwig Raschdau schreibt ihr beispielsweise einen großen Einfluss auf ihren Mann zu: „In der Familie war sie der Mann, und der Gatte unterwarf sich ihr.“[4]

Geteilte Leidenschaft

Aufgewachsen mit den Realitäten des niederländischen Kolonialismus, war ihr Wissen über ebendiesen und insbesondere über die Kolonien in Südafrika, sowie die Bereitschaft dieses zu teilen, groß. So gab Sophie beispielsweise dem Kolonialpionier Adolf Lüderitz 1884 in einem Brief ihres Gatten praktische Hinweise für seine anstehende Afrikareise.[5]
Im September desselben Jahres wohnte die Großherzogin, stellvertretend für ihren Gatten, einer vielbeachteten Generalversammlung des Deutschen Kolonialvereins bei, die aufgrund der Unterstützung des Weimarer Hofes im Großherzogtum stattfand, und trat dem Verein bei dieser Gelegenheit gleich selbst bei.[6]

Eine weitere einflussreiche Person in Sachen Kolonialismus in Carl Alexanders Leben soll, Überlieferungen zufolge, seine Schwester Augusta (1811-1890) gewesen sein. Diese soll ihn im preußisch-österreichischen Krieg der 1860er-Jahre dazu gedrängt haben, sich auf Seiten Preußens zu positionieren und stellt damit die Weichen für Weimars Beitritt zum Norddeutschen Bund.[7] Dieser Beitritt kann durchaus als Wendepunkt im politischen Denken und Handeln Carl Alexanders betrachtet werden, auch in Hinsicht auf seine kolonialen Bestrebungen.[8] Ein tieferer Blick auf Carl Alexanders Vita offenbart jedoch, dass dieser Einfluss nur ein kleines Puzzleteil in einer bereits bestehenden, positiven Einstellung gegenüber dem deutschen Kolonialismus war, den der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach mit großem eigenem Engagement förderte.

Die koloniale Begeisterung der Fürstenfamilie

Als Carl Alexanders „Erbin auf dem Kolonialgebiet“ bezeichnet der Biograph Friedrich Facius die Tochter des Großherzoges, Elisabeth (1854–1908), die ihren Ehegatten, den Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin 1895 dazu anregte, den Vorsitz der deutschen Kolonialgesellschaft zu übernehmen – ein Amt, dass der begeisterte Förderer kolonialer Bestrebungen Deutschlands und Mitglied im Kolonialrat[9] dankend annahm.[10] Elisabeth unterstütze ihn dabei praktisch als Ehrenvorsitzende des Deutschen Frauenvereins für die Kolonien.[11] Das Ehepaar brachte koloniale Einflüsse und Besucher an den Weimarer Hof, stattete aber auch selbst gern Besuche ab – 1895 unter anderem die Kolonialgebiete Deutsch-Ostafrika und Ceylon.[12] Und auch der Gemahl der Prinzessin Marie Alexandrine (1849-1922), Carl Alexanders anderer Tochter, zeigte Interesse an den kolonialen Bestrebungen in Afrika.[13] 1879 wurde Prinz Heinrich VII. Reuss zu Köstritz Vorstandsvorsitzender der „Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland“, eines wichtigen Kolonialvereins unter dem persönlichen Protektorat des Großherzogs.[14]

Doch nicht nur die Frauen des Weimarer Hofes waren dem Kolonialismus zugewandt.

Ebenso wie seine Schwestern wendete sich auch der einzige Sohn Carl Alexanders und Erbgroßherzog, Carl August (1844–1894), dem Kolonialismus mit großem Interesse zu. Ebenso wie sein Vater stand auch er im Briefwechsel mit dem deutschen Kolonialakteur Adolf Lüderitz.[15]

Carl Bernhard: Carl Alexanders koloniales Vorbild?

Dass der Kolonialgedanke sprichwörtlich in der großherzoglichen Familie liegt, lässt ein Blick auf die Vorfahren Carl Alexanders vermuten. Sein Onkel, Carl Bernhard (1792-1862), hatte bereits 1848 als General in Holländisch-Ostindien Kolonialerfahrung gesammelt und kehrte 1853 gar als Generalgouverneur von Niederländisch-Indien aus Batavia zurück.[16] Sein Neffe, Carl Alexander, ehrte ihn seiner Zeit durch das Ausstellen von Bernhards niederländischem Ehrendegen in der geschichtsträchtigen Kapelle der Wartburg, den Bernhard zuvor durch „besondere Verdienste um die holländischen Kolonien erworben hatte“ [Zitat nach Oberburghauptmann H. Lukas von Cranach].[17] Durch die Platzierung des Degens an der Stelle, wo auch Martin Luther zuvor gebetet hatte, stilisierte Carl Alexander seinen Onkel als „ruhmreiche[n] Kämpfer für den Protestantismus.“[18]

Geschichte ist nicht Vergangenheit

Einige Teile des an der Nordseite des idyllischen Weimarer Ilmparks gelegenen Schlosses befinden sich noch bis voraussichtlich 2030 in Renovation. Bis zur geplanten Fertigstellung soll es, nach Angabe der Klassik Stiftung Weimar auf ihrer Website, eine „völlig neu konzipierte Ausstellung geben“.[19] Ob diese auch auf die koloniale Geschichte der Fürstenfamilie hinweisen wird, bleibt abzuwarten. Die Erinnerungsorte wie auch das koloniale Gedankengut sind auch im Jahre 2020 noch präsent. In Anbetracht des immer noch weitgehend unaufgearbeiteten Kolonialrassismus in Deutschland ist festzustellen: Nie war das Erinnern an die (inter)nationale wie auch regionale Kolonialgeschichte wichtiger als heute.


[1] Zitiert nach Rößner, A.: Weimar, Wartburg, Windhuk – Carl Alexanders „warmes Herz“ für die deutsche Kolonialpolitik. In: Ehrlich, L.; Ulbricht, J. H. (Hrsg.) (2004): Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Erbe, Mäzen und Politiker. Köln: Böhlau Verlag, S. 61.

[2] Vgl. Merseburger, P. (2013): Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. München: Pantheon Verlag. S. 232.

[3] Vgl. Rößner (2004), S. 60.

[4] Zitiert nach Rößner (2004), S. 60.

[5] Vgl. Ebd. S. 76.

[6] Vgl. Rößner (2004) S. 61.

[7] Vgl. Merseburger (2013), S. 229.

[8] Vgl. Ebd. S. 229 f.

[9] Vgl. Rößner (2004), S. 63.

[10] Vgl. Ebd. S. 62.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Ebd, S. 63.

[13] Vgl. Ebd., S. 62.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Rößner (2004), S.62.

[16] Vgl. Ebd., S. 59.

[17] Zitiert nach Rößner, Ebd.

[18] Zitiert nach Rößner, Ebd., S. 60.

[19] https://www.klassik-stiftung.de/stadtschloss-weimar/