Kolonialheim Prellerstraße 1

Caroline Meyer zu Eppendorf und Paula Borzner

Es ist ein heißer Samstagnachmittag im Jahre 1930, du spazierst mit Freund*innen die Straßen Weimars entlang und euch ist nach einer Erfrischung. Zu deiner Linken erblickst du ein Lokal – den „Viktoria-Garten“. Ihr begebt euch in das Gebäude und trinkt ein kaltes Bier, nebenbei genießt ihr die Musik, welche aus dem Innenhof erklingt. Die Zeit vergeht wie im Flug, ihr amüsiert euch, lacht und seid in toller Gesellschaft. Im Anschluss kaufst du noch eine Postkarte, die vom Lokal angeboten wird, um dich an den schönen Nachmittag zu erinnern (siehe Abb Nr. 2).

Das Kolonialheim Weimars befand sich dort ebenfalls. Habt ihr es aktiv unterstützt?
Oder fragt ihr „Was ist ein Kolonialheim und was war seine Aufgabe?“

Zu dieser Zeit gab es Besucher*innen des „Viktoria-Gartens“, die das Kolonialheim aktiv unterstützten, aber womöglich auch Besucher*innen, die keine Ahnung hatten, was vor sich geht.

In der Prellerstraße 1 befand sich vom Jahre 1908 bis 1947[2] der „Viktoria-Garten“.

Die inneren Räumlichkeiten wurden in ein Gästezimmer, ein Gesellschaftszimmer, einen Saal und eine Kegelbahn aufgeteilt.[3] Der Außenbereich beherbergte einen Garten, sowie eine Musikhalle.

Ein Bild, das Pferd, draußen, gezeichnet, Fracht enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Fotobuch über Gaststätten in Weimar, Signatur 60 10-5/45 Bd.5 im Stadtarchiv; Fotograf unbekannt.

Der „Viktoria-Garten“ diente nicht nur als Ort für die Versammlungen des Kolonialvereins, welche immer zum ersten Sonnabend jeden Monats stattfanden, sondern wurde gleichzeitig als Gaststätte und Konzert-Garten genutzt.[4] Das oben aufgezeigte Bild vom Garten stammt aus dem Jahre 1894.[5]

Nachdem Gäste den „Viktoria-Garten“ besuchten, hatten sie die Möglichkeit eine Postkarte zu verschicken, die das Kolonialheim anbot, um sich an den Besuch zu erinnern.[6]

Leiter des Kolonialheims war der Obersekretär Karl Hucke, welcher in der Herbststraße 15 wohnte. Die Straße besteht bis heute.

Das Kolonialheim hatte neben einem Leiter und Schankwirt auch einen Polizeiwachtmeister, Georg Flamm, welcher sich um für die interne Sicherheit verantwortlich fühlte. Zudem verfügte der Verein über eine „koloniale Jugendgruppe“ .[7]

1925 war das Gebäude im Besitz der Feldschlösschenbrauerei, einer Schweizer Bierbrauerei. 1925 ging der Besitz des Viktoria-Garten an den größten Konkurrenten der Feldschlösschenbrauerei – an die Deinhardt-Brauerei, der Stadtbrauerei Weimars.[8] Der Viktoria-Garten war wohlbekannt in Weimar. Mit diesem Ort war der Kolonialverein also an einem zentralen gesellschaftlichen Ort Weimars vernetzt.

Text Box: Fotobuch von Postkarten aus Weimar, Signatur 60 3-5/20  im Stadtarchiv
Fotobuch von Postkarten aus Weimar, Signatur 60 3-5/20 im Stadtarchiv; Fotograf unbekannt.

Im selben Jahre pachtete der „Verein der Afrikaner, Ostasiaten und Kolonialfreunde Weimars“ den Viktoria-Garten, um ihr Kolonialheim zu erbauen.[9]

Dafür wollten sie den Oberkellner Alfred Raddatz einsetzen, welcher am 1. Juli 1925 Konzession, also Nutzungsrecht, anmeldete. Das Amt beantragte ein Führungszeugnis und weitere Nachweise, um abzuwägen, ob die Konzession gestattet werden soll.[10]

Aus unbekannten Gründen zog Raddatz jedoch den Konzessionsantrag zurück. Als Nächstes übernahm der Schankwirt Otto Loeper die frei gewordene Stelle. Er reichte einen Antrag auf Konzession beim Stadtdirektort ein.[11] Loeper wurde, wie Raddatz, polizeilich geprüft. Der Antrag wurde am 28.07.1925 genehmigt und am 01.08.1925 öffnete das Kolonialheim seine Türen.

Zudem musste Loeper ebenfalls eine Erlaubnis als Schankwirt einholen. Diese erlaubte Ihm, in bestimmten Räumen des Kolonialheims Branntwein, Bier, sowie Spirituosen auszuschenken. Loeper blieb jedoch nicht für die gesamte Zeit, in der das Kolonialheim bestand, als Schankwirt aktiv. Schon 1928 übernahm Friedrich Wehmeyer die Aufgabe des Schankwirts. Wehmeyer blieb ebenfalls nicht der letzte Schankwirt des Kolonialheims. In regelmäßigen Abständen kündigten die Schankwirte ihren Posten und gaben ihn an einen neuen weiter. Die Vorgänger wurden oftmals polizeilich verfolgt.[12]

Nachdem die Gründung des Kolonialheims in der Prellerstraße 1 beschrieben wurde, soll kurz erläutert werden, was die Tätigkeitsbereiche des hiesigen Vereins war.

Zunächst war der „Zusammenschluss aller Reichsangehörigen, welche im Militär oder Zivilverhältnis in kolonialen deutschen oder nicht-deutschen Besitz tätig waren, sowie alle Kolonialfreunde“[13] wichtig, damit sich der Verein ein Netzwerk aufbauen konnten, in dem koloniale Ideen geteilt werden. Der Verein kann also als koloniale Gedanken in der Weimarer Stadtgesellschaft verankernd beschrieben werden.

Um dieses Netzwerk zu stärken, wurde ein Fokus auf die Erhaltung und Pflege der internen Kameradschaft durch Austausch der Erlebnisse in den Kolonien gelegt.

Ebenfalls war dem Verein wichtig, die „Liebe und Treue zum Vaterland“ zu fördern und zu erhalten. [14]

Ihre letzte Motivation war es „sich zur Pflicht zu machen, den kolonialen Gedanken im Volke zu verbreiten und ihm vor Augen zu halten, dass ein so großes Volk wie das Deutsche Kolonien und somit deren Erzeugnisse in Rohstoff usw. unbedingt braucht.“[15]

Durch diese Zielsetzung und Aufgaben wurden die zentralen kolonialen Werte und Ziele des Kolonialheims definiert. Man merkt hier, wie anschlussfähig der Kolonialrevisionismus der Weimarer Zeit an die Blut und Boden Ideologie des Nationalsozialismus war.

Man kann vermuten, dass viele Anhänger des Kolonialgedanken auch Unterstützer der NSDAP waren, da viele Ideologien des Nationalsozialismus auf denen des Kolonialismus aufbauen.

1947 plante die Deinhardt-Brauerei den Bau eines Kinos. Aus dieser Information ist zu schließen, dass ab 1947 die Prellerstraße 1 nicht mehr vom Verein gepachtet wurde. Diese Pläne wurden jedoch nicht durchgeführt und ab 1953 diente das Gebäude als Kohlelagerplatz der Brauerei.[16]

In der Prellerstraße 1 hat heute der Getränkefachmarkt Ronald Bock seinen Sitz. Als der Inhaber das erste Mal sein neu erworbenes Geschäft betrat, fand er an der Wand einen Kupferguss, auf dem das Kolonialheim und dessen Innenräume mit dem Spruch „Gruß aus dem Kolonialheim“, abgebildet waren. Dies war die einzige Hinterlassenschaft, die Bock fand.[17]

Der Getränkefachmarkt ist mittlerweile als „Späti Weimars“ bekannt und ein beliebter Ort, an dem sich Studierende ihr Bier holen, nachdem die Türen der Supermärkte bereits geschlossen haben.

Es ist eine skurrile Vorstellung, dass damals die Menschen Weimars im Viktoria-Garten ihre Zeit verbrachten, wo gleichzeitig durch die Räumlichkeiten ein Kolonialverein Verein unterstützt wurde. Obwohl Vereine wie dieser für die Verbreitung des Kolonialgedankens eine wichtige Rolle spielten, gibt es heute kaum noch Referenzen, dass es das Kolonialheim jemals gab.


Endnoten

[1] Kupferguss aus privatem Besitz (Kolonialheim) von Ronald Bock

[2] Signatur Stadtarchiv Weimar: 60 3-2/20

[3] Konzessionsantrag Raddatz, Signatur Stadtarchiv Weimar: 60 0/10 und Bild von Ronald Bock

[4] Einwohnerbuch der Stadt Weimar, Oberweimar und Tiefurt, 1928, 1.Teil S. 24

[5] Fotobuch über Gaststätten in Weimar, Signatur 60 10-5/45 Bd.5 im Stadtarchiv Weimar

[6] Fotobuch von Postkarten aus Weimar, Signatur 60 3-5/20  im Stadtarchiv Weimar

[7] Einwohnerbuch der Stadt Weimar, Oberweimar und Tiefurt, 1928, 1.Teil S. 24

[8] Vgl. 60 3-2/20

[9] Einwohnerbuch der Stadt Weimar, Oberweimar und Tiefurt, 1928, 1.Teil S. 24

[10] Antrag auf Konzession, Signatur Stadtarchiv Weimar: 62 0/10

[11] Antrag Stadtdirektor, Signatur Stadtarchiv Weimar: 62 0/10

[12] Polizeiliche Verfolgung, Signatur Stadtarchiv Weimar: 62 0/10

[13] Einwohnerbuch der Stadt Weimar, Oberweimar und Tiefurt, 1928, 1.Teil S. 24

[14] Vgl. Fußnote 13

[15] Vgl. Fußnote 13

[16] Fotobuch von Postkarten aus Weimar, Signatur 60 3-5/20  im Stadtarchiv Bd. 13

[17] Persönliches Gespräch mit Ronald Bock vom 26.11.2019