Koloniale Jugendarbeit in Weimar

Julia Patricia Mayer

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„Aber später, wenn alles gut geht, dann soll Jungdeutschland hinüberkommen zu uns – laßt uns hoffen, daß es dann wieder heißt: nach Deutsch- Ostafrika!“

Diese Zeilen stammen aus dem Theaterstück „Unvergessene, ferne Heimat!“ aus dem Jahr 1919, das Heinz Lewark schrieb und in Berlin-Charlottenburg von den Jugendlichen der örtlichen kolonialen Jugendgruppe aufführen ließ (Heyn, 2018).

Wir befinden uns hier in der Brahmsstraße 19. Noch vor 100 Jahren hieß diese Straße Roonstraße und das Gebäude, vor dem wir stehen, war nicht nur ein Wohnhaus, sondern war eine Art Jugendheim in dem sich die letzte koloniale Jugendgruppe Weimars regelmäßig traf. Diese Informationen entnehmen wir dem historischen Adressbuch der Stadt Weimar aus dem Jahr 1933. Die Gruppe nannte sich Deutsches Koloniales Jugend Korps Abt. 91 II und befand sich unter der Leitung des Ministerialobersekretärs Ernst Frischmann. Sie war aber nicht die einzige Gruppe dieser Art. Auch der deutsche Kolonialverein Weimars, welcher in der Prellerstraße sein Vereinsheim hatte, berichtet kurz über den Besitz einer eigenen Jugendgruppe. Jetzt stellt sich Ihnen wahrscheinlich die Frage, was koloniale Jugendgruppen eigentlich waren und welche Aufgaben diese verfolgten. Zentrale Grundlage für die Antworten auf diese Fragen bietet Susanne Heyn. Sie befasste sich in ihrem Buch Kolonial bewegte Jugend. Beziehungsgeschichten zwischen Deutschland und Süd-Westafrika zur Zeit der Weimarer Republik (2018) sehr genau mit dieser Thematik.

Es ist das Jahr 1919. Die letzten deutschen Kolonien sind schon seit einigen Jahren an andere Kolonialregierungen übergegangen, aber dennoch finden sich in Deutschland allerorts Kolonialgesellschaften, die für die Erhaltung des kolonialen Gedankens kämpfen (siehe auch Artikel zum Kolonialgedenkbrunnen). Mit Veranstaltungen, regelmäßigen Treffen und gemeinsamen Aktivitäten halten sie weiterhin den Gedanken des Kolonialismus aufrecht. Zwar sanken die Mitgliederzahlen der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) in Folge des Ersten Weltkrieges, der damit einhergehenden Inflation und andere Rückschläge, doch sie gaben nicht auf. Nachwuchs für die Gesellschaft musste her und so begann die Entwicklung der kolonialen Jugendgruppen.

Die koloniale Jugendarbeit in Deutschland gliedert sich insgesamt in drei verschiedene Phasen, begann in den 1910er Jahren und dauerte bis ins Jahr 1933 an. Vor allem die Veränderungen in der Weimarer Republik hatten Auswirkungen auf die unterschiedlichen Phasen der Jugendarbeit. Diese sollen auch nun das erste Thema sein.

1. Phase (1919-1924) Orientierungsphase

Nach dem Ende der Kolonialherrschaft hatten die deutschen Kolonialgesellschaften mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Diese waren das Ergebnis der Niederlagen im Ersten Weltkrieg und der Inflation, die seit 1914 in Deutschland herrschte und weiterer Angriffe. Die Mitglieder waren verschuldet und verließen die DKG. Deshalb wurde auf dem schulischen Weg nach Nachfolger_innen unter den Jugendlichen gesucht, denn das koloniale Projekt sollte nicht aufhören. Zunächst zu den Anfängen der kolonialen Jugendgruppen: Helmuth Harries gründete 1919 mit 17 Jahren den ersten deutschen Kolonial Jugendbund in Salzwedel. Er war überzeugt von der Notwendigkeit einer kolonialen Jugendbewegung und brachte bei seinem Vortrag über das Anliegen vor der Zentrale des DKG auch den Hinweis auf die schon bestehende Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen, Hessen, an der Thüringer Grenze, an. Harries hatte schon konkrete Überlegungen was die Tätigkeiten und die Geschlechterfrage der Gruppen anbelangt. Es sollte keine Trennung zwischen Mädchen und Jungen geben, was in vielen Vereinen dieser Zeit üblich war. Die Idee der kolonialen Jugendgruppen stieß aber immer wieder auf Wiederspruch bei den Vorsitzenden. Trotzdem bekam er die Möglichkeit, seine Gruppe zu gründen. Zu Beginn bestand die Jungengruppe aus 58 Jugendlichen und die Mädchengruppe hatte 50 Mitglieder. Nach und nach folgten weitere Lokalgruppen um das Jahr 1920. An dieser Stelle kommt zum ersten Mal die Stadt Weimar ins Spiel. Denn auch hier gründete man neben Esslingen, Ulm, Tübingen und Leipzig, eine der ersten Kolonialjugendgruppen Deutschlands (Heyn 2018: 74). Schnell lösten sich aber wieder einige der Gruppen auf, da das Angebot an Unternehmungen wohl zu langweilig war und die Jugendlichen lieber in einen Vergnügungsverein gingen.

2. Phase (1924-1927) Institutionalisierung

Mit der Zeit änderte der Vorstand der DKG seine Meinung über die umstrittenen kolonialen Jugendgruppen. Am 19. September 1924 wurde der koloniale Jugendausschuss gegründet. Die Leitung dessen lag bei der DKG. Seine Aufgabe war zuerst die Organisation von Kolonialvorträgen an Schulen, die Bildung schulischer Jugendgruppen und die Herausgabe beziehungsweise die Verbreitung des Jambo. Der Jambo war eine Zeitschrift für Jugendliche, die ausschließlich koloniale Inhalte vermittelte und über die Aktivitäten der anderen deutschlandweiten Jugendgruppen berichtete. Durch diese Maßnahmen stieg die Anzahl der Jugendgruppen und deren Mitgliederzahl stark an. Ziel der Gruppen war zunächst, koloniale Erinnerungsarbeit zu leisten und die Rückgabe der ehemaligen Kolonien in einer breiten Öffentlichkeit zu fordern.

1926 fand die erste koloniale Jugendtagung in Bernburg statt. Sie hatte das Ziel alle deutschen Gruppen unter einen Hut zu bekommen und zusätzlich auf die Jugendgruppen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.

Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Uneinigkeiten darüber, wer für die Gruppen verantwortlich war. Deshalb gab es mehrmals Abspaltungen und Diskussionen über die Zugehörigkeit der Gruppen. Daraus folgten getrennte Organisationsstrukturen zum Ende der zweiten Phase um das Jahr 1927 (Heyn 2018).

3. Phase (1928-1933) Ausdifferenzierung und Anschluss an den NS

Durch das ständige Hin und Her kam es zu Transformation der verschiedenen Gruppen in übergeordnete Gruppen. Schon 1926 gründete sich aus den kolonialen Jugendgruppen der Bund der Kolonial-Pfadfinder und schließt sich dem Kolonialverein als Jugendorganisation an. Diese Pfadfinder nahmen ausschließlich Jungen auf, koloniale Jugendgruppen gab es aber weiterhin für Jungen und Mädchen.

Gerade erst wurden die Gruppen umorganisiert, da gründete sich 1931 der Bund Deutscher Kolonialjugend. Dies war wieder einmal Anlass einer Neustrukturierung. Er veranlasste den Zusammenschluss der unterschiedlichen Jugendorganisationen und veränderte somit die Organisationsstruktur erneut. Es bildeten sich nun drei Obergruppen. Die Jambolesegemeinschaft, die Schulgruppen und im Gemeindebereich bestand die Gruppe Kolonialsturm für Jungen und die Hedwig von Wissmann-Jugend für Mädchen. So bestanden fortan die Gruppen bis sie um 1933 aufgelöst oder in Gruppen der Hitlerjugend umgewandelt wurden (Heyn 2018).

Die Einflussnahme auf die Schule

Wie bereits erwähnt, spielte die Schule in der kolonialen Jugendarbeit eine große Rolle. Die DKG warb Jugendliche in den Schulen durch Unterrichtsmaterial und Gründung von Schulgruppen an. Diese Gruppen sollten sie bei ihrem Ziel der Kolonialrevision unterstützen. Dabei sollte den Jugendlichen die Bedeutung des Besitzes von Überseeischem verinnerlicht werden. Hierfür waren der DKG ausgesuchte Lehrer_innen behilflich. Zusätzlich sollte das Unterrichtsmaterial kolonialpolitisch angepasst werden. Zum Beispiel sollten in den Atlanten frühere deutsche Kolonien deutlich gekennzeichnet werden. Diese Unternehmungen stieß immer wieder auf Widerspruch. Deshalb konzentrierte man sich auf die Gewinnung von Lehrkräften. Zu Beginn geschah dies vor allem bei denjenigen, die selbst einst in den Kolonien waren. Sie sollten die Gründung von kolonialen Schulgruppen ermöglichen. Zusätzlich wurden sie mit dem Jambo ausgestattet, der nicht nur ihnen, sondern auch den Schüler_innen als Lehrmaterial zum Thema Kolonialismus dienen sollte (Heyn 2018).

Was machten die kolonialen Jugendgruppen?

In den Gruppen fanden regelmäßige Treffen statt, die von Erwachsenen geleitet wurden. Während der Treffen sprach man über koloniale Themen und Vorhaben der Gruppe. Es wurden Bilder gezeigt, Vorträge gehalten und man las gemeinsam die Zeitschrift Jambo. Die Jugendlichen lernten von den Leitern der Gruppe allerlei über die kolonisierten Länder, die dortige Tierwelt und damalige Erfahrungen der Truppen. Die Darstellung der Vorträge oder auch Bilder und Bücher war überwiegend exotisierend, wie man es vom Kolonialismus kennt und kritisiert. Zudem wurde ausschließlich über die Vergangenheit berichtet und aktuelle Debatten zur Kolonialfrage wurden völlig außen vor gelassen.

Die Kolonialpfadfinder taten das Gleiche. Sie lernten allerdings zusätzlich pfadfinderisches Wissen. Die Gruppen traten für ein Erziehungsprogramm ein. Das beinhaltete die körperliche Disziplinierung: Der Sport spielte in diesen Gruppen neben der Weiterverbreitung des kolonialen Gedankens eine zentrale Rolle. Denn es wurde das Ziel verfolgt, aus den Jungen Kolonialpioniere zu machen. Dazu wurde die Vorstellung verfolgt, dass sie stark und kräftig sein sollten.

Trotz der Glorifizierung der ehemaligen Kolonien reisten nur sehr wenige der Jugendlichen dort hin. Ziel der Bestrebungen war es, die Jugendlichen von der kolonialen Idee zu überzeugen, sodass es möglich gewesen wäre, die Kolonien zurückzuerobern und Deutschland wieder mit Kolonialbesitz auszustatten. Ihr Verlust sei tragisch, weshalb dies schnellstmöglich wieder umgekehrt werden müsse. Die Gruppen betrachteten sich als konfessionslos und überparteilich, sie betrachteten ihre Arbeit als nationale Aufgabe (Heyn 2018).

Die kolonialen Mädchengruppen

Die Jugendgruppen der Kolonialverbände waren vorzugsweise auf Jungen spezialisiert, dennoch war es aber nicht unüblich, dass es koloniale Mädchengruppen gab. Sie entstammten dem Frauenbund, der das Ziel verfolgte durch diese Mädchengruppen neue Mitglieder und Unterstützung für seinen Verein zu bekommen. Ab Mitte der 1920er Jahre konzentrierte man sich verstärkt auf die Bildung dieser Gruppen. 1926 wurde die erste Mädchengruppe in Berlin gegründet. Sie organisierte Wanderungen, machte Sport und Gymnastik und bekam bei diesen Aktivitäten den kolonialen Gedanken immer wieder eingeimpft. Das bedeutet, es gab während der Treffen kein anderes Thema als das der Kolonisierung und die Vorbereitung auf diese. Daran lässt sich sehen, dass die DKG immer damit gerechnet hat, wieder Kolonialmacht zu werden und eigene Kolonien auf den fremden Kontinenten zu besitzen.

Die Gruppen richteten sich an Mädchen zwischen 14 und 24 Jahren. Viele von ihnen waren noch in der Schule, einige aber auch schon berufstätig oder in einer Ausbildung. Es wurden zuerst die Töchter der Frauenbundmitglieder zu den kolonialen Mädchengruppen eingeladen, jedoch war dies keine Voraussetzung. Hierarchisch wurden die Mädchengruppen allerdings unterhalb der Jungengruppen angesehen.

Der Frauenbund behielt die Macht über die Mädchengruppen und setzte deren Ziele fest. Diese waren zum Beispiel das Wecken des kolonialen Gedankens, auch wenn die Mädchen den Verlust der Kolonien nicht miterlebt haben, oder die Schulung des Kolonialgedankens. Zudem sollten auch stets neue Mitglieder geworben werden, so konnten die Ziele in der Bevölkerung weiter verbreitet werden. Da der Frauenbund eine so große Position in den Mädchengruppen einnahm, arbeiteten die Mädchen auch an dessen Projekten mit. So halfen sie dabei, Propaganda für den Kolonialismus zu betreiben, halfen aber auch beim Wiederaufbau von deutschen Schulen in den einstigen deutschen Kolonien Afrikas. Zusätzlich trugen die Mädchen zur Unterstützung von deutschen Siedlerfamilien in Afrika bei. Neben der Mädchengruppen des Frauenbundes existierten noch schulische Mädchengruppen, die unter der Leitung einer Lehrerin standen und die außerschulischen Mädchengruppen der DKG. Sie wurden von anderen Mädchen geleitet, die mindestens 18 Jahre alt sein mussten. Diese wurde Hedwig von Wissmann-Jugend genannt (Heyn 2018). Die Gruppe wurde nach der Ehefrau Herrmann von Wissmanns benannt. Von Wissmann war ein sogenannter Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter, der zwischen 1895 und 1896 Gouverneur von Deutsch-Ostafrika war (Becker et al. 1909). Er unternahm nicht nur sogenannte ‚Entdeckungsreisen’, sondern verband diese Reisen auch mit militärischen Schritten. Von Wissmann war es auch, der 1889/90 den ersten Kolonialeroberungskrieg in Ostafrika führte (Prinz 2010). Diese und noch viele andere kolonialpolitische Handlungen machen ihn zu einer bekannten und auch sehr problematischen Person dieser Zeit. 

Zwar ist nicht viel über die Ziele der Hedwig von Wissmann-Jugend bekannt, jedoch kann man davon ausgehen, dass auch sie den kolonialen Gedanken weitertragen wollten, um nach der Rückgewinnung der Kolonien im neu eroberten Land das ‚Deutschtum’ wieder zu verbreiten. Daneben erwarben sie Fähigkeiten in den als weiblich bezeichneten Aktivitäten wie Nähen, Kochen oder Sanitätsdiensten. Diese Ausbildung war das Pendant zu der Ausbildung der Jungen zu Kolonialpionieren. Man könnte sagen, damit wurden sie auf den Alltag im Kolonialismus vorbereitet und die Reproduktion in den Kolonien sollte durch diese Form der Geschlechterpolitik gewährleistet werden. Wie bereits erwähnt, standen die Mädchengruppen im Rang unter den Jungengruppen, womit weiterhin das Geschlechterbild des starken Mannes und der ihm untergebenen Frau fortgeführt wurde (Heyn 2018).

Koloniale Jugendgruppen in Weimar

Wie schon zu Beginn erwähnt, war Weimar einer der Städte, die koloniale Jugendgruppen besaß. Sie waren eine der ersten und man findet bis 1933 Hinweise darauf, dass die koloniale Jugendarbeit in Weimar stattfand. Man kann davon ausgehen, dass die Gruppen sich in den Räumen des Kolonialvereinsheims oder des Jugendheims trafen und wie auch der Verein der Erwachsenen seine Aufführungen und Aktivitäten in diesen Häusern ausübte. Mit der wahrscheinlich letzten Gruppe in der Roonstraße 19, in der diese Station des dekolonialen Stadtrundgangs angesiedelt ist, endete die Zeit der kolonialen Jugendgruppen. Diese wurden allerdings nicht aufgegeben, sondern zu Gruppen der Hitlerjugend umfunktioniert (Heyn 2018).

An all dem lässt sich sehen, dass auch in Weimar den Kindern und Jugendlichen koloniales Gedankengut eingeübt wurde und sie auf die Ziele der Kolonialvereine, nämlich die Wiedererlangung der deutschen Kolonien in Afrika, vorbereitet wurden.

Quellen

  • Becker, A., von Perbandt, C., Richelmann, G., Schmidt, R., Steuber, W. (1909). Hermann Von Wissmann – Deutschlands Größter Afrikaner. Verlagsbuchhandlung Alfred Schall.
  • Heyn, S. (2018). Kolonial bewegte Jugend. Beziehungsgeschichten zwischen Deutschland und Südwestafrika zur Zeit der Weimarer Republik. transcript.
  • Heyn, S. (2008). Koloniale Jugendarbeit in der Weimarer Republik: Rassifizierungsprozesse und Geschlechterkonzeptionen in dem Bühnenstück »Unvergessene, ferne Heimat!«. In v. Gippert, Wolfgang, Götte, Petra, Kleinau, Elke (Hrsg.), Transkulturalität: Gender- und bildungshistorische Perspektiven (S. 275–292). transcript.
  • Historisches Adressbuch Weimar (1933) abgerufen von https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00195330/AbW_1933_001.tif am 19.03.2020.
  • Prinz, C. (2010). Herrmann von Wissmann als „Kolonialpionier“. In Budrich Journals, Geschlechterpolitiken (S. 315-336) Jg. 30, Nr. 118-119 (2-2010).