Gerhard Rohlfs

Wie waren Forschungsreisende am deutschen kolonialen Denken beteiligt?

Isabella Schwaderer

Friedrich Gerhard Rohlfs (* 14. April 1831 in Vegesack b. Bremen; † 2. Juni 1896 in Rüngsdorf b. Bonn) war Afrikareisender und Schriftsteller. Nachdem er seinen Wohnsitz in den 1870er Jahren in Weimar genommen und seine erste Weimarer Villa Meinheim in der heutigen Schopenhauerstraße gebaut hatte, baute er in der Belvederer Allee 19 eine zweite Villa Meinheim, für die ihm der Großherzog das Grundstück schenkte. 1890 zog er mit seiner Frau nach Bad Godesberg, wiederum in eine Villa Meinheim, wo er bis zu seinem Tod lebte.

An der der Belvederer Allee zugewandten Seite ist, für Vorbeigehende deutlich sichtbar, eine Gedenktafel für Gerhard Rohlfs angebracht mit dem Text:

Hier wohnte 1881-1890
Gerhard Rohlfs
1831-1896
Afrikaforscher

Die Tafel reiht Rohlfs in die Reihe der berühmten Bewohner*innen Weimars ein und die Schenkung des Großherzogs lässt seine enge Bindung an den Fürstenhof vermuten. Inwiefern ist diese Auszeichnung („Afrikaforscher“) im Kontext des deutschen kolonialen Erbes hier einer weiteren Bewertung zu unterziehen?

Gerhard Rohlfs – vom Aussteiger und Abenteurer zum kaiserlichen Beobachter

Rohlfs war der dritte Sohn eines Landarztes in Vegesack. Nach mehreren Schulabbrüchen diente er als Soldat in fünf verschiedenen Armeen, unter anderen auch in der französischen Fremdenlegion, was ihn 1856 mit dem zweiten Ausländerregiment nach Algerien brachte. Nach seiner vorzeitigen Entlassung verlieren sich seine Spuren für längere Zeit und die Vermutung, er sei nach seiner Entlassung zum Spion für französischen Interessen ausgebildet worden, ist nicht unplausibel.[1] Das Foto, nach dem der gezeigte Kupferstich ausgeführt worden ist, wurde 1861 in Algier gemacht und zeigt ihn in einheimischer Tracht. Zusammen mit der Bemerkung, Rohlfs habe sich damals „mit der Sitte und den Anschauungen dieses Volkes“[2] vertraut gemacht, führte zu der für ihn nützlichen Interpretation, er kenne die Landessprache. Sein Bruder Hermann Rohlfs, der den verschollen Geglaubten in Algier besucht hatte, vermittelte seine Tagebücher an Verleger und den Gothaer Kartographen August Petermann, der Auszüge aus dieser Korrespondenz in seiner Zeitschrift Petermanns Geographische Mitteilungen veröffentlichte und ihn später bei der Überarbeitung und Herausgabe seiner Reisenotizen unterstützte. Diese machten den Reisenden berühmt und beförderte ihn bis in die Reihen anerkannter Wissenschaftler.

Von Unbekannter Grafiker der Epoche. – Illustrirter Kalender, Jg. 20 (1865), S. 95., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45351196

Geographische Entdeckungen erreichten zu dieser Zeit ein breites Lesepublikum, das sich gerne in die Beschreibungen ferner, bisher unbekannter Länder mit ihren Besonderheiten vertiefte, oft ergänzt durch Kartenmaterial, das durch neu entwickelte Verfahren aufwändig gedruckt wurde. Die Forschungsreisenden dieser Zeit versorgten die Verlagshäuser jedoch nicht nur mit Beschreibungen der geographischen Gegebenheiten, sondern auch mit Hinweisen, die zur militärischen Erschließung wichtig werden könnten. Damit sind Forschungsreisende zutiefst geprägt von einer kolonialen Vorstellung. Ihr Publikum, die deutschen Leser*innen, beginnen im 18. Jahrhundert an der Wissensproduktion über die große, weite Welt teilzuhaben. Dass dies keineswegs in uneigennütziger und rein friedlicher Absicht geschah, illustriert Justin Stagl in seiner Geschichte der Neugier. Er analysiert das Titelblatt eines Jahres Der reisende Deutsche von 1745, auf den vier allegorischen Figuren jeweils die damals bekannten Erdteile symbolisieren. Ein beflissener Sekretär notiert offenbar alles Wissenswerte und ist umgeben von einem scheinbar ungeordneten Haufen von Utensilien des Beobachtens, Sammelns und Klassifizierens: Bücher, Teleskop und Kompass, aber auch herumliegende Teile von Rüstungen und aufgestapelte Kanonenkugeln gehören zum Ensemble.[3]

Menschliche Trophäe und Schaustück deutscher Zivilisierungsmission: Henry Noël

Nach einem kurzen Besuch in Deutschland kehrte Rohlfs nach Afrika zurück und durchquerte als einer der ersten Europäer 1865-1867 Afrika von Tripolis durch die Sahara über den Tschadsee und entlang des Niger bis zum heutigen Lagos am Golf von Guinea. In der libyschen Oasenstadt Murzuk behandelte er einen erkrankten Sklavenhändler. Obwohl Rohlfs keine nennenswerten medizinischen Kenntnisse besaß, wurde der Mann gesund und überließ Rohlfs am 25. Dezember 1865 einen etwa siebenjährigen Jungen, der vermutlich aus Bagirmi, einem Sultanat auf dem Gebiet des heutigen Tschad kurz zuvor verschleppt worden war. Rohlfs nahm ihn, dem er vorläufig den Namen Noël (frz. Weihnachten) gegeben hatte – „Freitag“ aus Robinson Crusoe lässt grüßen – , mit auf seiner Durchquerung der Sahara, wo der Junge offenbar ihn und seinen anderen Begleiter in schwerer Krankheit unterstützt hatte – daraufhin ließ Rohlfs ihn auf den Namen Henry taufen. Ein Waisenkind, von dem nur der Vorname Abd el Faradj bekannt ist, wird Henry[4] durch die Taufe eine neue Identität aufgezwungen. Aus seinem familiären und kulturellen Kontext sehr früh gewaltsam entrissen, erfährt Henry durch den Mann, der ihn „gerettet“ oder in einem undurchsichtigen Handel erworben hat, keine menschenwürdige Behandlung. Rohlfs wird ihn zwar später nach Deutschland bringen, die Verantwortung für seine Erziehung und eine neue Familie wird er jedoch schnell und gerne an andere abgeben.

Auf dem hier gezeigten Bild wird Henry in einem phantastischen, an einen Zirkus erinnernden Kostüm mit den breiten goldenen Tressen und der orientalisch anmutenden Seidenhose als ein „perfektes Accessoire“ für das im Fotostudio entstandene Porträt Rohlfs‘ missbraucht. Dieser hatte sich inzwischen vom Fremdenlegionär zum respektierten Gelehrten und erfolgreichen Vortragsreisenden gewandelt. Henry mit dem abwesenden, traurigen Blick vervollständigt den mit exotischen Pflanzen versehenen Hintergrund die Selbstinszenierung des Porträtierten, der damit seine „Expertise“ durch einen lebendigen Beweis unterstreicht. Wenn Rohlfs auch als dezidierter Gegner des Sklavenhandels auftrat, perpetuierte er mit diesem Bild das binäre Konstrukt von Herrn und Diener, was die Voraussetzung ist für eine Vorstellung von weißer Überlegenheit. Rohlfs hatte damit nicht nur als einer der ersten (modernen) Europäer die gesamte Sahara in mehreren Richtungen durchquert, es gelang ihm auch, dieses Image zu kultivieren und wurde dafür gefeiert. In Berlin wurde er von König Wilhelm I. von Preußen empfangen und zum Ehrenmitglied der Berliner Gesellschaft für Erdkunde ernannt. Er erhielt die goldenen Medaillen der geographischen Gesellschaften von Paris und London.

Karte der Sahara (gemeinfrei) https://picryl.com/media/map-from-quer-durch-afrika-reise-vom-mittelmeer-nach-dem-tschad-see-und-zum-484d39?zoom=true

Henry Noël hatte, genau genommen, zweimal die Sahara durchquert, einmal als von Sklavenhändlern verschleppt von Süden nach Norden und einmal mit Rohlfs auf dessen Reise. Er begleitete Rohlfs nach Bremen und auf die Strafexpedition von Lord Robert Napier nach Abessinien. Nach Beendigung dieses Auftrags wurde Henry Noël durch Rohlfs Wilhelm I. in Bad Ems vorgestellt, seine Gattin Augusta nahm sich des Jungen an und versuchte ihn in das preußische Schulsystem zu integrieren, was aber aus unterschiedlichen Gründen nicht gelang. Henry konnte schließlich weder in Deutschland noch später in Afrika ein selbstbestimmtes Leben führen. Zeit seines Lebens kämpfte Henry Noël um die Anerkennung seines „Retters“ und „Ziehvaters“, eine Rolle, die Rohlfs jedoch nie annehmen wollte. Er starb am 16. Februar 1931 in einer Nervenheilanstalt im italienischen Ancona, wo er 52 Jahre lang gelebt hatte. Man kann ahnen, wie ihn die Verschleppung, Versklavung und Ablehnung von Rohlfs traumatisiert haben. Die Dehumanisierung durch Sklavendienst, Umbenennung und der Bruch mit Heimat, Familie und sozialem Umfeld in einem solch frühen Alter, zudem die ständige Objektifizierung in Bild und Wort sind aufgrund der Quellenlage nicht direkt, aber indirekt durch seine psychischen Folgen und den Klinikaufenthalt belegt. Warum setzt Weimar hier eine nicht weiter kommentierte Gedenktafel für Rohlfs, nicht aber für Henry?

In Weimar, „Deutschlands heimlicher Kolonialhauptstadt[5]

Rohlfs verdiente inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Vortragsreisen und heiratete 1870 die 19-jährige Auguste Leontine Behrens. Auf Empfehlung von Prinzessin Marie, einer Schwester des Großherzogs Carl Alexander, der „einer der stärksten ideellen Förderer der deutschen Afrikaforschung und später der deutschen Kolonialbestrebungen überhaupt“[6] geworden war, ließ sich das Paar vorübergehend in Weimar nieder. Während Rohlfs selbst viel auf Reisen war, teils für Vorträge, teils auch immer wieder in Afrika, nahmen er und seine Frau, die sehr gut Klavier spielte, durchaus am gesellschaftlichen Leben Weimars mit seinen zahlreichen musikalischen Events teil; eine besondere Freundschaft verband sie mit Franz Liszt bis zu dessen Tod 1887.[7]

Um den rastlosen Reisenden, dessen Ausgaben seine Einnahmen aus Reisestipendien und Vortragshonoraren oft überstiegen, zu halten, schenkte der Großherzog Rohlfs 1880 schließlich das Grundstück an der Belvederer Allee im Wert von 10 000 Mark, wo Familie Rohlfs die zweite „Villa Meinheim“ bezog.[8] Diese trug alle Züge eines kolonialen „Museums“, angefüllt mit allerhand ‚Mitbringseln‘. So beschreibt es der Zoologe Konrad Guenther, Rohlfs Neffe, in einer Romanbiographie, die es bis in die Bücherregale von Karl May[9] gebracht hat:

„Öffnete sich die Tür, so sah sich der Eintretende einem riesigen ausgestopften Krokodil gegenüber, einem Geschenk Schweinfurths, das im Vorraum an der Wand hing, umgeben von anderen afrikanischen Merkwürdigkeiten. […] Die Wände [im Esszimmer] waren mit afrikanischen Fellen behangen, darunter fielen ein Löwenfell und ein schwarzes Panterfell besonders auf. Letzteres hatte der Kaiser von Abessinien Rohlfs geschenkt und je ein anderes an Kaiser Wilhelm und Bismarck. Dazwischen hingen Bilder, so eines von Kaiser Wilhelm I., vom Großherzog von Weimar, ein Geschenk des Fürsten, dann verschiedene Ölgemälde, unter diesen ein vorzügliches Brustbild von Schweinfurth und eines von Rohlfs selbst, gemalt von Bohnstedt. Auf dem Tische lag als Decke ein prachtvolles Ehrenkleid, von der Königin von Madagaskar dem Reisenden geschenkt.“[10]

Allerdings hatte Rohlfs im Laufe seiner Reisen nicht nur Geschenke mitgebracht; die in unterschiedlichen Quellen durchaus widersprüchlichen Berichte um die Eroberung und Plünderung der abessinischen Königsstadt Magdala durch die Briten 1868 endete in einem Ausverkauf und der Zerstörung von unwiederbringlichen Kulturgütern. Auf welche Weise Rohlfs in den Besitz einer der Königskronen gekommen war, ist nie ganz klar geworden; jedenfalls entstanden durch die Schenkung an König Wilhelm I und die Weitergabe an das Museums für Völkerkunde in Berlin derartige diplomatische Verwicklungen mit der britischen Krone, dass der Gründungsdirektor Adolf Bastian (1826-1905) in einem Brief an Rohlfs äußerte, „froh [zu sein], dass sie wieder fort ist“.[11] Weiterhin schickte er Schädel aus den von ihm geöffneten Gräbern in Dachel an den Pathologen und Anthropologen Rudolf Virchow[12] und eine Reihe von Münzen, die in die Sammlung der Universität Jena übergingen, brachten ihm einen Ehrendoktortitel ein.[13]

Unbekanntes Land zu bereisen und kartographieren war in der Zeit des entstehenden Kolonialismus ein erster Schritt hin zu seiner militärischen Unterwerfung. Wenn es in Deutschland staatlicherseits nur zaghaftes Bestreben nach realen Kolonien gab, gewann die Kolonialpropaganda im Laufe der 1870er Jahre allerdings zunehmend an Öffentlichkeitswirksamkeit. 1873 wurde die Afrikanische Gesellschaft in Deutschland gegründet, die in der geographischen Erkundung Afrikas kulturelles Kapital sah. So zitiert Rohlfs deren Gründer Bastian:

„Nach der politischen Geltung eines Volks bemisst sich die Höhe der Verpflichtungen, die ihm in Lösungen der Culturaufgaben obliegen. Seit Deutschland wieder den ihm gebührenden Sitz im Rathe der Nationen eingenommen hat, muss es auch in der Pflege der Wissenschaft mehr noch wie früher voranstehen, ziemt es ihm vor allen, in der Leitung geographischer Unternehmungen, die neue Gegenden der Kenntniss gewinnen sollen, an die Spitze zu treten, denn solche Erwerbungen werden in der Geschichte unter dem Namen desjenigen Volks verzeichnet, das zuerst kühn und entschlossen sich die Bahn nach ihnen brach.”[14]

Vorteilhaft wurde der Erwerb von Kolonien aus verschiedenen Gründen angesehen, insbesondere, weil Kolonien Absatzmärkte für deutsche Industriewaren, ein Auffangbecken für die deutsche Auswanderung bieten und die „soziale Frage“ lösen würde – die Arbeiter würden sich von der Sozialdemokratie abwenden und statt dessen an einem nationalen Projekt beteiligt werden. Nicht zuletzt habe aber Deutschland eine „Cultur-Mission“: den Auftrag, seine angeblich überlegene Kultur weltweit zu verbreiten. Rohlfs hatte eine sehr dezidiert positive Haltung zum deutschen Kolonialstreben und beteiligte sich an der Meinungsbildung dazu in seinen Vorträgen und Artikeln.[15]

Insgesamt konnte sich Rohlfs trotz des großen öffentlichen Interesses an seinen Reisen nie beruflich etablieren, seine mangelnde Ausbildung, seine Sprunghaftigkeit und seine Selbstüberschätzung erkannten auch seine Zeitgenoss*innen. Der Höhepunkt seiner Karriere als Konsul in Sansibar 1885, der Insel, die Bismarck für Deutschland sichern wollte, scheiterte an seinen persönlichen und diplomatischen Fehlern und er wurde bald zurückgerufen. Er besuchte Afrika nicht mehr und starb 1896 in Rüngsdorf bei Bonn.

Pflege der Wissenschaft und Lösungen der Culturaufgaben – wem nütz(t)en die Forschungsreisen?

Rohlfs war bekannt aufgrund seiner Reisen, aber besonders wegen der faszinierenden Schilderungen seiner Bücher wurden diese kolonialen Fantasien weiter geschürt. Sein Engagement zur Abschaffung der Sklaverei stimmte mit der allgemeinen Meinung in Europa überein; in seinem persönlichen Umgang mit afrikanischen Menschen, insbesondere mit Henry zeigt er sich jedoch als von vorherrschenden rassistischen Theorien beeinflusst und stets überzeugt von seiner und der europäischen Überlegenheit gegenüber den Bewohner*innen der erforschten Region. Das Plündern von Kulturgütern und das Aufbrechen von Gräbern zur „Pflege der Wissenschaft“ scheinen bei ihm ebenso wenig moralische Skrupel hervorgerufen zu haben wie auch beim Empfänger der menschlichen Überreste Virchows, der Rohlfs 1883 den irritierenden wie kryptischen Satz ins Stammbuch schrieb: „Ist ein weißer M** mehr wert als eine weiße Schwalbe? […] Aber unsere Deszendenz-Lehrer haben mit mehr Eifer zu ergründen, von welcher Art von Weich- oder Gliedertieren wir abstammen, als festzustellen, ob unsere Vorfahren M** waren.“[16]

Rohlfs‘ Durchquerung der Sahara, die ihm viel Ruhm und Ehre eingebracht hatte, war eine Leistung, die dort Tag für Tag von vielen Menschen vollbracht wurde; er konnte sich dabei auf die Erfahrungen seiner Führer und nicht zuletzt die Geistesgegenwart des ihm „geschenkten“ Jungen verlassen. Auch waren die meisten der von ihm durchwanderten Gebiete nicht unbekannt, er sammelte Proben und Informationen für andere und war daher weniger ein Afrikaforscher als eher ein „Zulieferer“ für andere Wissenschaftler ohne eigene Forschungstätigkeit, denn dafür fehlte ihm schlicht die Ausbildung [17]. Bei der „Afrikaforschung“ handelte es sich jedenfalls nicht um ein akademisches Fach, sondern um eine außeruniversitäre koloniale Kategorie. Sie suggeriert auch eine umfangreiche Bildung, die Rohlfs aber niemals hatte. Seine Bücher ließ er grundlegend von Dritten bearbeiten, da sie sonst nicht lesbar gewesen wären, was ihn auch große Honoraranteile kostete.[18] Seine Ehrendoktorwürde der Universität Jena war nachweislich eine Entlohnung für die Aushändigung von Münzen dubioser Herkunft und ebenfalls kein Garant für eine höhere Bildung.

Gedenktafel an der Belvederer Allee 19 (Foto der Autorin)

Seine Figur allerdings, seine frühe Selbstinszenierung als „Kenner Afrikas“ in der Kleidung der Eingeborenen, in Verbindung mit den lakonischen Schilderungen abenteuerlicher Reisen trafen einen Nerv von Generationen, vermittelt durch Karl May. Wenn der Romanschriftsteller vielleicht auch wenig aus Rohlfs Texten übernimmt,[19] so bleibt der Eindruck, er hätte sich diese phantastische Inszenierung des Rohlfs zum Vorbild einer seiner Hauptfiguren und alter egos, des Kara Ben Nemsi genommen. Mays populäre Romane haben das deutsche kulturelle Überlegenheitsgefühl stark mitbestimmt.[20]

Die Sahara wird auch heute vielfach durchquert; besonders tragisch ist die allgegenwärtige Todesgefahr für zahlreiche Flüchtende, Frauen, Männer und Kinder, die aus dem subsaharischen Afrika in die Maghreb-Staaten Marokkos, Algeriens und Libyens zu gelangen versuchen. Die Fluchtursachen sind vielfältig, jedoch hängen sie mit den Effekten der durch Forschungsreisende wie Gerhard Rohlfs vorbereiteten Kolonisierung Afrikas zusammen.

Die Villa von Gerhard Rohlfs in Weimar erinnert an Verschiedenes – an die Reisen und „Entdeckungen“ eines Mannes, aber auch an die kolonialen Fantasien einer gesamten Nation, deren kultureller Überlegenheitsanspruch verantwortlich war für Massaker in Afrika – aber auch, letzten Endes, für Kriegsverbrechen und „industrielle“ Massentötungen von Menschen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ angesehen wurden. Somit führt eine direkte Verbindung von der Belvederer Allee auch nach Buchenwald.

Quellen

  • Bolte, Günter (2019): Gerhard Rohlfs. Anmerkungen zu einem bewegten Leben. 1. Auflage. Rotenburg: Edition Falkenberg.
  • Facius, Friedrich (1941): Carl Alexander von Weimar und die deutsche Kolonialpolitik 1850-1901. In: Koloniale Rundschau 32 (6), S. 339–353.
  • Geulen, Christian (2009): Blutsbrüder Über einige Affinitäten bei Carl Peters und Karl May, S. 309–339. Online verfügbar unter https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2009/309.pdf.
  • Gnettner, Horst (Hg.) (1996): Stammbuch des Bremer Afrikaforschers Gerhard Rohlfs. 60 Stammbuchblätter als Faksimiles. Museum Schloss Schönebeck. Bremen: Hauschild.
  • Guenther, Konrad (1912): Gerhard Rohlfs Lebensbild eines Afrikaforschers. Anhang von Rudolph Said-Ruete. Freiburg: Friedrich Ernst Fehsenfeld.
  • Lieblang, Helmut (1998): „…Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen…“ Karl May und Gerhard Rohlfs. Analog und disparat. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft, S. 293–304. Online verfügbar unter https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/1998/293.htm.
  • Merseburger, Peter (2004): Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. 3. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl. (dtv, 30787).
  • o.A. (Hg.): Verzeichnis der Bibliothek Karl Mays.
  • Rohlfs, Gerhard (1873): Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet. Bremen: Verlag von J. Kühtmann’s Buchhandlung.
  • Rohlfs, Gerhard (1881): Reise von Tripolis nach der Oase Kufra. Ausgeführt im Auftrage der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland. Leipzig: F. A. Brockhaus.
  • Stagl, Justin (2002): Eine Geschichte der Neugier. Wien: Böhlau. Online verfügbar unter http://www.oapen.org/search?identifier=574816.
  • Virchow, R. (1874): Köpfe aus den Oasen Dachel und Siuah. In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, S. 121–127.

Endnoten

[1] Bolte 2019: 30.

[2] Rohlfs 1873: 2.

[3] Stagl 2002: 202.

[4] Im Folgenden wird auf den dehumanisierenden ersten Namen Noël verzichtet.

[5] So überschreibt Merseburger 2004 ein Kapitel seines Buchs Mythos Weimar, S. 213-241.

[6] Facius 1941: 351.

[7] Bolte 2019: 101.

[8] Bolte 2019: 131.

[9] o.A., Verzeichnis der Bibliothek Karl Mays: 11. Auch die meisten Bücher von Rohlfs finden sich dort.

[10] Guenther 1912: 265.

[11] Bolte 2019: 82 f.

[12] Virchow 1874.

[13] Bolte 2019: 102 f.

[14] Bastian nach Rohlfs, Rohlfs 1881.: 3.

[15] Bolte 2019: 161.

[16] Gnettner 1996.: o.S.

[17] Bolte 2019: 171.

[18] Bolte 2019. 172.

[19] Lieblang 1998 und Rohlfs 1873: 451.

[20] Geulen 2009.