Die Weimarische Zeitung

Friedrich Scharnowski

Was hat die Weimarische Zeitung (erschienen 1832 bis 1933[1]) mit Kolonialismus zu tun? Kolonialismus baute auf rassistische Rechtfertigungen, die in verschiedenen Medien verbreitet wurden. Ein typisches, lokales Medium für Kolonialdiskurse, die Bezüge zu den „Schutzgebieten“ herstellen sollten und einseitige Sichtweisen auf die Vorgänge lieferten, war die Weimarische Zeitung. In diesem Artikel werden einige typische kolonialrassistische Denkweisen, die in der Zeitung ihre Verbreitung fanden, offengelegt.

Die Weimarische Zeitung war ein Tageblatt, das 1832 von Wilhelm Hoffmann (vgl. Hoffmanns Buchhandlung) in Weimar neubegründet wurde und berichtete über viele Themen der damaligen Zeit, die die Weimarer Bürger*innen bewegten.[2] Das Blatt stellte aber auch ein Werkzeug der Machthabenden dar und sollte das koloniale Denken der Leserschaft fördern. Peter Merseburger schreibt in Mythos Weimar:

„Die offiziöse ‚Weimarische Zeitung‘, deren Chefredakteur von Bojanowski sich als Sprachrohr der Weimarer Königlichen Hoheit versteht, versucht ihren Lesern systematisch, die Notwendigkeit einer deutschen Machtprojektion nach Übersee nahezubringen.“[3]

Das Tageblatt wurde dann durch den Verlag „Hermann Böhlaus Nachfolger“ veröffentlicht und in der Hof-Buchdruckerei gepresst. Als Geschäftsstelle ist die Kleine Teichgasse 6 angegeben. Die Zeitung berichtete über Regional-, National-, International- und Kolonialpolitik. Dazu kamen ein Feuilleton und weimarspezifische Artikel und Anzeigen.

Vor allem vor und während der Berliner Konferenz 1884 bis 1885 erscheinen auf dem Titelblatt der Weimarer Zeitung lange Artikel, die sich mit der Berichterstattung aus Berlin und aus Afrika beschäftigten.[4] Die Berliner Konferenz, auch oft als „Kongo-Konferenz“ bezeichnet, war eine Versammlung der Vertreter von 13 europäischen Staaten sowie der USA und des Osmanischen Reiches auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck.

Die Berliner Konferenz gilt als Inbegriff der institutionalisierten Fremdherrschaft: Die beteiligten Staaten teilten den afrikanischen Kontinent über die Köpfe der lokalen Bevölkerung hinweg unter den europäischen Mächten auf. Die Kongoakte, das Schlussdokument dieser Konferenz, regelte und legitimierte die Aufteilung in Kolonien.

Ausschnitt aus dem Anzeiger der Weimarischen Zeitung vom 17.01.1984

Auch Anzeigen der Deutschen Kolonialgesellschaft über Versammlungen finden sich häufiger, zudem ein Bericht über die außerordentliche Generalversammlung des deutschen Kolonialvereins in Eisenach am 22.09.1884[5]

Es handelt sich um Artikel, Anzeigen und Berichterstattungen, die das damalige koloniale Denken förderten. Die Weimarer Zeitung ist somit nicht nur Spiegel der Zeit, sondern auch Akteurin in den kolonialen Diskursen, da solche Berichte sehr typisch waren und gezielt platziert wurden. Das koloniale Bestreben ist im Tageblatt Normalität und wird in den Jahren der Kongo-Konferenz, des Völkermordes an den Herero und Nama (1904-1908) im heutigen Namibia und darüber hinaus nahezu täglich beschrieben.

Beispielsweise sind Artikel mit den folgenden Titeln zu finden: „Deutschland und die englischen Kolonien“, „Aus Afrika liegt neues nicht vor.“, „Lügennachrichten aus Deutsch-Südwestafrika“ und „Der Aufstand der Hereros“.

In den Jahren 1904 und 1905 findet man fast täglich eine Berichterstattung über den von der Weimarer Zeitung sogenannten „Herero-Aufstand“, darunter sind journalistische Artikel aber auch Feuilleton und Unterhaltungsartikel. Eine kritische Perspektive auf die Grausamkeiten und den Vernichtungsbefehl von Lothar von Trotha, mit denen auf die Weigerung zur Zwangsarbeit reagiert wurde, fehlt in der Berichterstattung vollkommen. Stattdessen wird hier die Erzählung einer von der indigenen Bevölkerung ausgehenden Gewalt erzeugt. Diese wird als Legitimation für das gewaltsame Vorgehen der Kolonialherren genutzt.

Besonders ins Auge sticht ein dreiteiliger Feuilleton-Aufsatz über die Herero, welcher eine äußerst problematische pseudo-anthropologische Charakterisierung enthält. Der namentlich unbekannte Autor schreibt generalisierend über körperliche Eigenschaften wie Größe, Hautfarbe und körperliche Fertigkeiten. Für die deutschen Leser*innen wird auf diese Weise eine ganze Gruppe stereotypisiert. Der Autor bezeichnet die indigenen Personen als „gutmütig und vergnügt“.[6] Zudem schlussfolgert er aus einer Beschreibung über ihre Muskulatur heraus, dass sie faul wären. („D. h. sie sind träge und faul, denn schlecht entwickelte Muskelbildung ist nichts weiter als eine Folge geringer körperlicher Bewegung und Anstrengung.“)

Diese Art der Berichterstattung ist für die kolonialen Legitimationsdiskurse typisch. Generalisierungen und degradierende Beschreibungen, wie die behauptete und anhand körperlicher Merkmale scheinbar begründete Faulheit, wurden genutzt, um den Kolonialismus zu rechtfertigen. Speziell in den deutschen Kolonien gab es eine Arbeitspflicht, die nicht selten als nichtentlohnter Arbeitsdienst, also Sklaverei, genutzt wurde. Die konstruierte Faulheit mag diese Maßnahmen pro- oder retrospektiv legitimiert haben. Diese Art von Essentialisierung ist Rassismus, der hier klar als koloniale Tradition erkennbar wird.

Eine solche vermeintlich „anthropologische“ Berichterstattung ist in verschiedenen medialen Dokumenten dieser Zeit wiederzufinden, sei es in einem als dokumentarisch bezeichneten Film (siehe Beitrag zum Kolonialfilm), in Sach- und Schulbüchern, oder, wie vorliegend, in offiziellen Tageszeitungen und -blättern.

Es wird ein Bild gemalt, das sich durch ständige Wiederholung in den Köpfen der Leser*innen festigt und Rassismus schürt. Vor allem wirkt das anhaltende Überlegenheitsgefühl gegenüber afrikanischen Gesellschaften legitimierend auf die „Zivilisierungsmission“ Kolonialismus. Die Tageszeitung war günstig zu erwerben und einfach zu verstehen und hatte dadurch ein hohes Verbreitungspotential. Generell ist die Sprache aus heutiger Sicht recht simpel gehalten und der Inhalt ist äußerst plakativ.

Es handelte sich um ein Medium für alle, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass rassistisches Gedankengut so weit verbreitet war und sich in den folgenden Jahren der Nationalismus so stark durchsetzen konnte. Die Wurzeln rassistischen Denkens sind im Kolonialismus wiederzufinden.

Beschreibungen der Kleidung, des Hochzeitsprozess, der Hygiene, und des als äußerst brutal beschriebenen Totenrituals folgten dann am 22. und 23.01.1904 in den weiteren Teilen des Feuilleton-Aufsatzes. Beim Veröffentlichungszeitraum handelt sich genau um die Zeit des Genozids und bietet damit erneut eine Legitimationsbasis. Dies ist deckungsgleich mit anderen zeittypischen Skandalerzählungen, die damit die Leserschaft schockieren und menschliche Distanz zur indigenen Bevölkerung erzeugen.

Die schaurige Imagination und die Fantasie von Afrika als fremden und dunklem Kontinent verschaffte der kolonialen „Zivilisierungsmission“ mehr Legitimität. Interessanterweise wird eine Grausamkeit der „Anderen“ erzählt, die eigene, zeitgleich stattfindende, bleibt unbenannt.

In dem Artikel „Das Vorgehen Deutschlands an der afrikanischen Westküste“ wird das koloniale Vorgehen beschrieben: „Heute handelt es sich […] darum, dem überseeischen Handel Deutschlands dort eine nationale Grundlage zu geben.“[7] Diese Sichtweise zieht sich durch die Berichterstattung. So ging es Deutschland in der Weimarischen Zeitung zunächst um den Seehandel, der eine wichtige Rolle in der europäischen Wirtschaft spielte. Aber in den darauffolgenden Jahren bemerkte man, dass auch deutsche „Niederlassungen“ oder Kolonien, wie andere europäische Mächte sie in Anspruch nahmen, auch eine wichtige politische Rolle spielten und internationale Macht erzeugten.

Deutschland sah seine Rolle dann auch darin, die Kolonien zu beschützen und Gewalttaten damit zu rechtfertigen, dass eine Bedrohung von der indigenen Bevölkerung ausgehe, wie im Fall des Genozids der Herero und Nama, der in der Weimarischen Zeitung als „Aufstand“ euphemisiert wird.  

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Einnahme und Verteidigung von Kolonien legitimiert wurde, lässt sich auch in der Weimarischen Zeitung finden:

„[W]enn jene Landstriche unter deutschen Schutz gestellt werden, so heißt das nichts anderes, als [dass Deutschland] die Niederlassungen deutscher und europäischer Kaufleute dort […] gegen die Eingeborenen wie gegen fremde Mächte in der Ausübung ihrer Tätigkeit schützen [wird], …“[8]

Anhand von Stichprobenuntersuchungen in den Zeiträumen um 1884/1885 und den 1904/1905 lässt sich die Art und Weise der kolonialen Berichterstattung ablesen. Die Weimarische Zeitung unterstützte mit den Veröffentlichungen, der darin verwendeten Sprache und einer auf Unterlegenheit beruhenden Weltsicht das Kolonialstreben Deutschlands auf lokaler Ebene. Dabei erzeugte sie immer wieder ein rassistisches Bild von weißer Überlegenheit und förderte das koloniale Denken der lesenden Bevölkerung.


Endnoten

[1] UB Jena, https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpjournal_00000613 (abg. am 28.05.20)

[2] Die Weimarische Zeitung wurde von 1832 bis 1933 herausgegeben, davor hieß sie 
Weimarische wöchentliche Anzeigen (1755 – 1800) und
Weimarisches Wochenblatt (1801 – 1832).

[3] Peter Merseburger: Mythos Weimar – Zwischen Geist und Macht. S.230

[4] Beispielsweise „Von der Kongo-Konferenz“, Weimarische Zeitung vom 18.11.1984

[5] „Von der außerordentlichen Generalversammlung des deutschen Kolonialvereins.“, Weimarische Zeitung 23.09.1984

[6] Weimarische Zeitung vom 21.01.1904

[7] Weimarische Zeitung vom 06.09.1984

[8] Ebd.